Iran und der Golf: Warum Risikobegrenzung nicht mehr ausreicht

Je ungewisser die Entwicklung Irans wird, desto deutlicher zeigt sich, dass Passivität kostspielig ist – und dass sich die inneren Dynamiken Irans ohne Beitrag oder Einfluss der Golfstaaten in einer Weise entwickeln könnten, die die Sicherheit am Golf unmittelbar beeinträchtigt. Sich auf die am Horizont abzeichnenden unsicheren Szenarien vorzubereiten, erfordert bereits heute ein begrenztes und gesteuertes Engagement.
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Während der jüngsten Proteste im Iran hielten sich die meisten Golfstaaten gegenüber den in Washington laut werdenden Forderungen nach einem Militärschlag still, zogen sich jedoch effektiv zurück. Ihre Einschätzung war nüchtern: Eine Eskalation würde die Region mit hoher Wahrscheinlichkeit destabilisieren, ohne innerhalb Irans einen substantiellen politischen Wandel herbeizuführen. Zugleich würden Städte, Infrastruktur und Bevölkerungen am Golf unmittelbarer Vergeltung ausgesetzt.

Die Zurückhaltung des Golfs beruhte nicht auf einer Präferenz für den Fortbestand des Regimes, sondern auf der Furcht vor Chaos. Entscheidungsträger sorgen sich vor einem unkontrollierten Zusammenbruch Irans – einschließlich staatlicher Fragmentierung, Ausbreitung von Milizen, Flüchtlingsbewegungen, nuklearer oder radiologischer Lecks sowie gravierender Störungen der Energiemärkte, die die Golfstaaten direkt betreffen würden.

Diese Haltung spiegelt eine tiefere Realität und veränderte regionale Bedrohungswahrnehmungen wider. Die Golfstaaten sehen sich nicht länger als entfernte Beobachter iranischer Krisen, sondern als Akteure an vorderster Front. Entwicklungen innerhalb Irans prägen unmittelbar ihre eigene nationale Sicherheit.

Gleichzeitig haben die Proteste und die ungewisse Entwicklung Irans die Grenzen der bisherigen Absicherungsstrategie offengelegt. Risikobegrenzung hat geholfen, Spannungen einzuhegen und Eskalationen zu vermeiden; als Strategie bleibt sie jedoch reaktiv und auf Krisenmanagement beschränkt, statt Ergebnisse aktiv zu gestalten.

Da die Unsicherheit in Iran nicht mehr episodisch, sondern strukturell geworden ist, verwandelt sich das Festhalten an Risikovermeidung selbst in eine strategische Einschränkung. Die Golfstaaten können kurzfristige Auswirkungen begrenzen, indem sie Deeskalation priorisieren – doch sie bleiben passiv, während sich die politischen und sicherheitspolitischen Dynamiken Irans so entwickeln, dass sie ihr eigenes Sicherheitsumfeld bestimmen.

Die jüngst wieder aufgenommenen, von Oman vermittelten Gespräche zwischen den USA und Iran unterstreichen sowohl die Dringlichkeit der Deeskalation als auch die Enge des Zeitfensters zur Vermeidung weiterer Konflikte. Erstmals seit Jahrzehnten verfügt der Golf über die Möglichkeit, über reine Krisenvermeidung hinauszugehen und Ergebnisse aktiv im eigenen Interesse zu beeinflussen.

Daher sollten die Golfstaaten von bloßer Risikobegrenzung und Krisenmanagement zu einer koordinierten diplomatischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Einbindung übergehen, um Irans Entwicklung proaktiv mitzugestalten.

Strategische Autonomie

Das wachsende Interesse der Golfstaaten an strategischer Autonomie spiegelt die zunehmenden Zweifel an Zuverlässigkeit und Wirksamkeit externer Sicherheitsgaranten wider. Je stärker die Skepsis wächst, ob Washington eine von ihm ausgelöste Eskalation kontrollieren, Vergeltungsschläge gegen Golfpartner abschrecken oder Verantwortung für die Folgen einer Krise vor ihrer Haustür übernehmen kann, desto weniger tragfähig erscheint eine übermäßige Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten.

Die Zurückhaltung der Golfstaaten gegenüber militärischen Maßnahmen gegen Iran macht diese Skepsis sichtbar. Besonders aufschlussreich war Irans Angriff auf Katar während des zwölftägigen Israel-Iran-Krieges im Juni 2025. Obwohl Teheran vorab informiert hatte, bestätigte der Angriff die Befürchtung, dass eine Eskalation sich rasch ausweiten und die Sicherheit des Golfs direkt beeinträchtigen kann.

Seit der saudisch-iranischen Annäherung 2023 bevorzugen die Golfstaaten daher Vermittlung, Diplomatie und Krisenmanagement.

Auch Israel wird in Golfhauptstädten zunehmend nicht als stabilisierender Sicherheitspartner wahrgenommen, sondern als Akteur mit einer Eskalationsagenda, der den Golf in Konflikte hineinziehen könnte, während ein Großteil der entstehenden Kosten auf ihn abgewälzt würde.

Unilaterale Mechanismen – etwa Saudi-Arabien–Pakistan oder VAE–Indien – sowie neue Sicherheitsarrangements mildern das unmittelbare Sicherheitsdilemma des Golfs nicht grundlegend. Nachhaltige Sicherheit kann nur durch den Aufbau lokaler und gemeinsamer Verteidigungsfähigkeiten erreicht werden – ein Projekt, das Jahrzehnte in Anspruch nehmen dürfte.

Die Lehren aus der Befreiung Kuwaits 1990–91 sind bis heute nicht vollständig umgesetzt worden; Verteidigungsintegration und Kapazitäten befinden sich weiterhin im Aufbau. Dies zeigte sich 2025 in den Reaktionen der Golfstaaten auf Angriffe Irans und Israels auf Katar sowie in den zurückhaltenden Erklärungen des Gemeinsamen Verteidigungsrates im September und November 2025.

Diese Bedingungen verstärken das langfristige Ziel strategischer Autonomie. Doch Autonomie entsteht nicht durch Distanzierung allein. Sie erfordert die Fähigkeit, Ergebnisse aktiv zu gestalten, statt sich von ihnen abzuschotten.

Während außenpolitische Debatten in Washington und Tel Aviv Iran weiterhin binär – Regimeüberleben oder Zusammenbruch – betrachten, ist diese Dichotomie für die Golfstaaten realitätsfern. Mehrere Zukünfte sind denkbar: ein stärker fragmentierter und nach innen gerichteter Iran; ein elitengeführter Übergang; oder eine schrittweise pragmatische Anpassung, insbesondere falls die von Oman angestoßene Diplomatie an Dynamik gewinnt.

Für den Golf ist nicht entscheidend, welches Ergebnis eintritt – sondern ob er bei dessen Gestaltung eine bedeutende Rolle spielt.

Einflussmöglichkeiten des Golfs und ihre unzureichende Nutzung

Wenn Risikobegrenzung und strategische Autonomie keine schnellen Lösungen bieten, stellt sich die zentrale Frage, ob der Golf über einen substanziellen Einfluss auf Irans Entwicklung verfügt. In den politischen Debatten am Golf dominiert häufig die Annahme, der eigene Einfluss sei begrenzt. Zwar ist dieser tatsächlich nicht unbegrenzt – doch kollektiv und konsequent eingesetzt kann er erheblich sein.

Gleichzeitig darf das Potenzial nicht überschätzt werden. Sanktionsregime, die innenpolitische Struktur Irans und die zentrale Rolle sicherheitsstaatlicher Institutionen begrenzen die Wirkung externer wirtschaftlicher oder diplomatischer Einbindung auf Irans strategische Grundausrichtung oder sein innenpolitisches Machtgefüge. Instrumente des Golfs werden weder das Überleben des Regimes noch seine ideologische Orientierung oder grundlegende sicherheitspolitische Entscheidungen unmittelbar bestimmen.

Ihr Einfluss liegt vielmehr in der Gestaltung marginaler Anreize. Diese Wirkung ist graduell und indirekt – doch in einem Kontext anhaltender Unsicherheit kann selbst marginaler Einfluss kumulativ strategische Bedeutung gewinnen. Das Kernproblem ist weniger ein Mangel an Instrumenten als vielmehr fehlende Einigkeit darüber, wann und wie sie eingesetzt werden sollen – und welches Risiko die Golfstaaten bereit sind einzugehen.

Wirtschaftliche und infrastrukturelle Hebel bleiben bedeutsam. Handel, Transitkorridore, Hafen- und Luftraumnutzung beeinflussen Irans regionale Konnektivität unmittelbar. Energieverflechtungen – einschließlich Stromlieferungen, Raffineriekapazitäten und Seetransport – schaffen zusätzliche Einflusskanäle. Selbst unter Sanktionsbedingungen eröffnen Investitionsströme Spielräume für weitergehende Einbindung.

Auch das diplomatische Kapital des Golfs ist erheblich. Sowohl kollektiv als auch bilateral verfügen die Golfstaaten in Washington über substanzielle Vermittlungszugänge, die nicht nur im Iran-Kontext, sondern zunehmend auch in Gaza, im Russland-Ukraine-Krieg, in Venezuela und darüber hinaus genutzt werden. Regionale Mechanismen – Sicherheitsarrangements, Krisenkommunikationskanäle sowie koordinierte Flüchtlings- und humanitäre Planungen – ermöglichen es, Spillover-Effekte zu steuern.

Die Vereinigten Arabischen Emirate waren 2024 mit 28,2 Milliarden US-Dollar nach China Irans zweitgrößter Handelspartner. Katar ist Partner im South-Pars/North-Dome-Gasfeld, das über 70 Prozent der iranischen Gasproduktion liefert. Saudi-Arabien spielte gemeinsam mit Katar und Oman im vergangenen Januar eine zentrale diplomatische Rolle, um eine direkte Konfrontation zwischen Iran und den Vereinigten Staaten abzuwenden.

In ihrer Gesamtheit verfügen die Golfstaaten – sofern sie koordiniert und kohärent agieren – über wirtschaftliche und diplomatische Instrumente, die Irans strategische Kalkulation beeinflussen können. Keines dieser Instrumente ist für sich genommen entscheidend; gemeinsam jedoch können sie Volatilität reduzieren und den Handlungskontext iranischer Akteure strukturieren.

Bislang wurden diese Instrumente nur begrenzt genutzt. Die Golfstaaten vermieden Reibungen mit Washington, wollten ihre eigene Risikoposition begrenzen und handelten angesichts innergolfischer Divergenzen vorsichtig.

Blick nach vorn

Eine glaubwürdigere Golfstrategie gegenüber Iran erfordert daher eine operationalisierte Szenarioplanung, die über die Dichotomie von Regimeerhalt oder -zusammenbruch hinausgeht und mögliche Entwicklungen mit konkreten diplomatischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Instrumenten verknüpft.

Angesichts absehbarer Krisen könnten die Golfstaaten bereits im Vorfeld rote Linien, Lastenteilung, Kommunikationskanäle und humanitäre Koordinierung abstimmen.

Eine tragfähige Strategie setzt ein integriertes Instrumentarium und ein kohärentes strategisches Weltbild voraus. Die Golfstaaten müssen definieren, wofür sie jenseits minimaler Ziele – Regimestabilität und wirtschaftliche Kontinuität – stehen. Beide Ziele setzen innere Stabilität voraus, die wiederum eine stabile Nachbarschaft erfordert. Ohne strategische Kohärenz bleiben weitergehende Ambitionen unerreichbar.

Innergolfische Differenzen – etwa zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten oder im Kontext früherer Krisen mit Katar – spiegeln unterschiedliche Ansätze zur Sicherung von Stabilität und wirtschaftlichen Erträgen wider. Investitionen in politischen Islam, nichtstaatliche Akteure oder das bestehende Staatensystem haben bislang keinem Golfstaat strukturelle Vorteile verschafft. Eine Konsolidierung der Ansätze – oder zumindest eine offene Auseinandersetzung mit Differenzen – ist Voraussetzung für eine funktionale Szenarioplanung gegenüber Iran.

Ein wohlhabender, selbstbewusster und instrumentell handlungsfähiger Golf gewinnt als drittes strategisches Ziel zunehmend an Bedeutung. Vermittlung, Investitionen, neue Partnerschaften – etwa im Rahmen von BRICS – sowie Infrastrukturprojekte wie der Indien–Nahost–Europa-Korridor zeigen diese Ambition. Doch solange Irans Entwicklung primär durch externe Konflikte statt durch regionale Anreizstrukturen bestimmt wird, bleibt dieses Ziel fragil.

Die Erfahrungen der letzten Jahre unterstreichen diese Logik. Die begrenzten Reaktionen der US-Regierungen auf Angriffe auf saudische Öl­anlagen 2019 und auf Abu Dhabi 2022 verdeutlichten die Grenzen amerikanischer Sicherheitsgarantien. Dies beschleunigte Annäherungen an Iran und Türkei sowie eine Diversifizierung von Sicherheitsbeziehungen – einschließlich der Normalisierung mit Israel 2020.

Gleichzeitig haben insbesondere die Entwicklungen nach dem 7. Oktober 2023 Zweifel an der Tragfähigkeit einer sicherheitspolitischen Architektur mit starker israelischer Integration geweckt.

Ein lokal verankerter Ansatz erscheint langfristig tragfähiger: der Aufbau einer vom Golf ausgehenden regionalen Ordnung, die schrittweise erweitert wird. Autonomie bedeutet jedoch aktive Einflussnahme – insbesondere in Situationen, in denen Iran geschwächt, instabil oder in einer fluiden Übergangsphase jenseits einfacher Dichotomien agiert.

Szenario 1: Anhaltende innere Unruhe und Fragmentierung

Iran kollabiert nicht vollständig, erreicht jedoch auch keine Stabilität. Proteste flammen auf und ab, Governance-Strukturen fragmentieren, wirtschaftlicher Druck vertieft soziale Spannungen. Der Staat bleibt formal intakt, wird jedoch schwächer und unberechenbarer.

In diesem Kontext müssen die Golfstaaten proaktiv agieren, statt eine von den USA dominierte Neuordnung passiv zu beobachten. Wie in Irak könnten sektorale Einbindungen – etwa im Energiesektor – Spillover-Risiken mindern.

Dies birgt Risiken sekundärer Sanktionen und politischer Spannungen mit Washington. Daher wäre eine gezielte, transparente und auf humanitäre oder infrastrukturelle Bereiche begrenzte Einbindung erforderlich. Ziel wäre nicht die Umgehung von Sanktionen, sondern kontrollierte Stabilisierung.

Szenario 2: Elitengeführter Übergang

Hier erfolgt Wandel innerhalb des Systems – durch Führungswechsel, Nachfolgeprozesse oder interne Machtverschiebungen. Das Regime bleibt bestehen, doch Machtzentren verschieben sich.

Fehleinschätzungen interner Dynamiken könnten kontraproduktiv sein. Ein multilateraler Beziehungsansatz – nicht nur zu offiziellen Kanälen, sondern auch zu akademischen, religiösen und gesellschaftlichen Netzwerken – würde Resilienz schaffen. Parallel dazu wäre ein Ausbau eigener Iran-Expertise innerhalb staatlicher Institutionen erforderlich.

Szenario 3: Graduelle pragmatische Anpassung

Iran passt sich schrittweise an – unter ökonomischem Druck und regionalen Realitäten. Selektive Entspannung, pragmatischere Außenpolitik und begrenzte Vereinbarungen mit den USA wären möglich.

Für den Golf böte dies Chancen für eine institutionalisierte regionale Sicherheitsarchitektur. Über symbolische Normalisierung hinaus wären gemeinsame maritime Sicherheitsstrategien und belastbare Mechanismen erforderlich.

Schlussfolgerung

Je ungewisser Irans Entwicklung wird, desto kostspieliger wird Passivität. Das zentrale Risiko für den Golf liegt nicht im Zusammenbruch Irans, sondern in einer Entwicklung ohne eigenen Einfluss.

Risikobegrenzung hat Eskalationen eingedämmt – doch sie gestaltet keine Ergebnisse. Der Übergang von reinem Krisenmanagement zu selektiver, koordinierter Einbindung garantiert keinen bestimmten Ausgang, reduziert jedoch strategisches Risiko.

In einer Phase regionaler Fluidität besitzt der Golf eine seltene Gelegenheit, seine Fähigkeit zur aktiven Mitgestaltung seines Umfelds auszubauen – statt sich weiterhin primär auf Risikovermeidung zu verlassen.

*Dr. Bader Al-Saif ist Assistenzprofessor für Geschichte an der Universität Kuwait sowie Associate Fellow bei Chatham House. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Arabischen Halbinsel, insbesondere auf Geopolitik, öffentlicher Politikgestaltung, Kultur, Reformdynamiken, transnationalen Entwicklungen und Geschlechterfragen in der Region.

*Dr. Sanam Vakil ist Direktorin des Middle East and North Africa Programme bei Chatham House sowie Inhaberin des James-Anderson-Lehrstuhls an der Johns Hopkins SAIS Europe. Ihre Expertise umfasst iranische und Golfpolitik, regionale Sicherheitsdynamiken sowie die Außenpolitik der Vereinigten Staaten, mit besonderem Fokus auf die sich wandelnde strategische Landschaft des Nahen Ostens und seine globalen Verflechtungen.