Am 14. Februar 2026 stattete der ehemalige Premierminister Saad Hariri dem Libanon anlässlich des Todestages seines Vaters Rafik Hariri seinen traditionellen Besuch ab. Wie jedes Jahr sprach er in Beirut auf dem Platz, auf dem sich auch die Mohammad-al-Amin-Moschee befindet, zu einer großen Menschenmenge. In seiner diesjährigen Rede war im Vergleich zu den Vorjahren ein deutlich stärkerer politischer Wille und ein entschlossenerer Ton erkennbar.
Hariri, der sich in den vergangenen Jahren weitgehend aus dem Libanon ferngehalten und eine direkte Einbindung in die sich vertiefenden politischen Krisen des Landes vermieden hatte, nutzte diese Rede offenbar auch, um seine Position innerhalb der sunnitischen Gemeinschaft zu testen. Zugleich enthielt seine Ansprache klare Signale einer möglichen Rückkehr in die Politik und lieferte sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf regionaler Ebene bedeutende Hinweise.
Was bedeutet Hariris Popularität?
Nach der Arsal-Operation der Hisbollah an der libanesisch-syrischen Grenze im Juli 2017 führte die daraus resultierende Spannung zwischen Saad Hariri und Saudi-Arabien zu einem Wendepunkt im sunnitischen Lager des Libanon. Hariris Rücktrittserklärung in Riad im selben Jahr – gefolgt von seiner Rückkehr in den Libanon und der Fortsetzung seines Amtes – machte sowohl die regionalen Machtkonstellationen als auch die konfessionellen Blockaden des Landes deutlich sichtbar.
Sein Rücktritt während des sogenannten „Libanon-Frühlings“ im Oktober 2019, ohne dabei ein größeres politisches Risiko einzugehen, sowie die anschließenden gescheiterten Versuche, nach 2020 erneut die politische Bühne zu betreten – insbesondere die Spannungen mit Präsident Michel Aoun über Kompetenzen und Repräsentation –, verhinderten die Bildung einer Regierung.
Diese Schwankungen in seiner politischen Position warfen die Frage auf, ob sein gesellschaftlicher und politischer Rückhalt ernsthaft erodiert sei. Mit seiner Ankündigung im Jahr 2022, sich aus der aktiven Politik zurückzuziehen und das Land zu verlassen, begann eine neue Phase.
In den darauffolgenden Jahren beschränkte sich Hariris öffentliche Präsenz im Wesentlichen auf kurze Besuche in Beirut zum Todestag seines Vaters. Gerade deshalb gewann sein Besuch im Jahr 2026 besondere Bedeutung – nicht zuletzt als Test dafür, inwieweit er seine Repräsentationskraft, Führungsrolle und Legitimität innerhalb der sunnitischen Gemeinschaft bewahrt hat.
Seine gesellschaftliche Legitimation – ein zentraler Parameter für eine politische Rückkehr – wird maßgeblich bestimmen, wie er sich bei künftigen Wahlen positioniert. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Reaktionen der über hunderttausend Menschen, die ihn in Beirut empfingen, gewissermaßen eine Antwort auf die Frage lieferten, ob er in den vier Jahren seit seinem Rückzug vor den Wahlen vom 15. Mai 2022 noch immer den gesellschaftlichen Puls fühlt.
In seiner Rede kündigte Hariri an, dass die Zukunftsbewegung (Tayyār al-Mustaqbal) wieder am Wahlprozess teilnehmen werde, und erklärte: „Ihr werdet unsere Stimme hören.“ Diese Botschaft deutete auf eine starke Wirkung hinsichtlich der Wiederherstellung sunnitischer Führung hin.
Seine Worte „Ob es Wahlen gibt oder nicht – in guten wie in schlechten Zeiten stehen wir zusammen“ wurden mit großer Begeisterung aufgenommen und unterstrichen, dass er weiterhin als zentrale Referenzfigur innerhalb der sunnitischen Gemeinschaft gilt.
Obwohl es ihm seit der Übernahme des politischen Erbes seines Vaters vor 21 Jahren nicht gelungen ist, eine dauerhaft stabile politische Linie zu etablieren, konnte die entstandene Führungslücke im sunnitischen Lager bislang von keinem anderen Akteur geschlossen werden. Dass Hariri-Plakate aus den sunnitischen Vierteln Beiruts nie verschwunden sind, verweist nicht nur auf Zugehörigkeit, sondern auch auf das Fehlen einer glaubwürdigen Alternative.
Zudem erfreut sich Hariri besonders bei jüngeren und moderateren Sunniten einer gewissen Popularität. Dies zeigt, dass seine Fähigkeit zur Massenmobilisierung und seine gesellschaftliche Legitimität trotz langer politischer Abwesenheit weiterhin Bestand haben.
Das neue Syrien und Hariris Kurs
Bei den Signalen einer politischen Rückkehr Hariris spielt zwar der Machtverlust der Hisbollah eine Rolle, doch auch die tiefgreifenden Veränderungen in Syrien sind zu berücksichtigen.
Dass auf den Straßen von Tripolis zunehmend der Einfluss von Ahmed al-Sharaa und Mohammed bin Salman spürbar wird, hat Diskussionen darüber ausgelöst, ob Damaskus über die sunnitischen Gemeinschaften im Libanon ein neues Einflussfeld aufbaut. Zugleich wachsen die Sorgen vor einer Verschiebung der sunnitischen politischen Führung.
Besonders in Tripolis haben Gebäudeeinstürze in den vergangenen Wochen – kombiniert mit dem Versäumnis des Staates, präventive Maßnahmen zu ergreifen oder konkrete Programme zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu entwickeln – die Unzufriedenheit verstärkt. Teile der sunnitischen Bevölkerung äußern inzwischen offen Erwartungen an Unterstützung aus Syrien.
Ein weiteres wichtiges Ereignis war, dass Anhänger des seit 2015 inhaftierten sunnitischen Führers Ahmed al-Esir bei Demonstrationen Unterstützung aus Damaskus erhielten. Darüber hinaus forderte al-Sharaa die Freilassung al-Esirs und anderer oppositioneller Gefangener. Diese Entwicklungen wurden als Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Libanon interpretiert und führten zu spürbaren Spannungen zwischen Beirut und Damaskus.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Bildung eines neuen sunnitischen Dachs unter Hariris Führung auch für die libanesische Politik insgesamt Bedeutung hat. Auch wenn es keine absolute Hegemonie eines einzelnen Führers geben wird, berührt Hariri offenbar stärker das gesellschaftliche Gewissen. Zudem ist im Libanon die Bindung an politische Führer oft stärker ausgeprägt als die Bindung an staatliche Institutionen – ein Umstand, der die Relevanz seiner politischen Präsenz unterstreicht.
Hürden aus Saudi-Arabien
Trotz dieser Dynamik bleibt die Unterstützung aus Riad hinter den Erwartungen zurück – ein klares Zeichen der sunnitischen Krise. Hariris Rücktritt im Jahr 2017 hatte seine bedingte Abhängigkeit von Saudi-Arabien offengelegt und zugleich strukturelle Probleme in den bilateralen Beziehungen sichtbar gemacht.
Für Riad, das Hariri einst zur dominierenden Figur der sunnitischen Politik im Libanon machte, ist der Libanon inzwischen zu einem Feld geworden, das in größere regionale Strategien eingebettet ist. Mohammed bin Salman scheint – ähnlich wie Donald Trump – den Libanon nicht als eigenständige außenpolitische Priorität zu behandeln, sondern als Unterkomponente einer neu entstehenden regionalen Ordnung im Dreieck Syrien–Israel–Palästina.
Diese strategische Verschiebung verengt Hariris Handlungsspielraum und schwächt das traditionelle Gleichgewicht, das sunnitische Führung im Libanon durch externe Unterstützung gewann.
Obwohl Hariri Schritte zur Wiederherstellung seines politischen Einflusses unternommen hat, ist ihm bewusst, dass eine nachhaltige Rückkehr ohne aktive Unterstützung aus Riad kaum möglich sein dürfte. Daher legte er in seiner Rede weniger Wert auf persönliche Führungsrhetorik, sondern stellte die Zukunftsbewegung in den Vordergrund. Dies deutet darauf hin, dass er seine Führungsrolle stärker institutionell – über die Partei – neu definieren möchte und dabei die regionalen Realitäten berücksichtigt.
Die Lage der sunnitischen Gemeinschaft
Es ist offensichtlich, dass die sunnitische Gemeinschaft im Libanon derzeit nicht in einer Position ist, die bestehenden regionalen und lokalen Machtgleichgewichte maßgeblich zu beeinflussen. Die raschen Veränderungen der politischen Konstellationen im Land sowie die Radikalisierung konfessioneller Strömungen haben das Bedürfnis nach Neuformierung und nach einer Bündelung um eine starke Führungspersönlichkeit verstärkt.
In diesem Zusammenhang wird sowohl Hariris schrittweise Rückkehr in die Politik als auch die Frage, ob er die Zustimmung aus Riad erhält, aufmerksam verfolgt – insbesondere im Hinblick auf gesellschaftliche Motivation und Repräsentationsansprüche.
Angesichts der aktuellen Position der Sunniten erscheint Hariris Rolle sowohl im regionalen Gefüge als auch im innerlibanesischen Machtgleichgewicht als ein Faktor, der nicht außer Acht gelassen werden kann.
