Trotz seiner größeren Stärke hat Europa immer noch Angst vor Russland
Fangen wir mit den Zahlen an: Die 27 EU-Mitgliedstaaten und das Vereinigte Königreich verfügen zusammen über rund 4.500 Kampfpanzer, von denen mindestens die Hälfte einsatzbereit ist. Außerdem besitzen sie 3.200 Militärflugzeuge, mehr als 13.000 Artilleriesysteme und über 420 Kriegsschiffe. Russland hingegen verfügt über etwa 2.000 operative Panzer sowie rund doppelt so viele eingemottete ältere Modelle, etwa 4.000 Militärflugzeuge, 14.000 Artilleriesysteme und rund 400 Kriegsschiffe.
Auf dem Papier mag das wie ein Gleichstand aussehen. In Wirklichkeit aber ist Europas taktische Ausrüstung moderner und vor allem qualitativ wie technologisch den russischen Land-, Luft- und Seestreitkräften überlegen. In diesem Sinne sind wir sehr wohl eine militärische Macht, die man ernst nehmen muss.
Polen und Griechenland – die stolz ein Drittel der europäischen Panzer und ein Viertel der europäischen Kampfflugzeuge besitzen – übertreffen Russland bei modernen gepanzerten Fahrzeugen zahlenmäßig. Die europäische Artillerie ist nicht nur zahlenmäßig überlegen, sondern auch technologisch, in Präzision und Reichweite. In der Luft wird Russlands Nachteil noch deutlicher. Und zur See gilt: Die Royal Navy und der französische nukleare Flugzeugträger könnten, wenn sie wollten, Ostsee und Schwarzes Meer praktisch im Alleingang sperren.
Dennoch redet und agiert Brüssel, als würde die Rote Armee morgen zum Marsch auf den Atlantik ansetzen. Warum?
Weil Europa keine Nation ist. Es war es nie, und seien wir ehrlich: Es wird es auch nie sein. Die Vereinigten Staaten sind eine Nation – mit einem Präsidenten, einer Armee, einem Willen. Russland ist eine Nation – mit einem Zaren, einer Armee, einem Willen. Europa hingegen – bestehend aus EU und Vereinigtem Königreich – ist ein Gebilde aus achtundzwanzig Nationen, die fünfundzwanzig Sprachen sprechen und weder dieselbe Geschichte und Erinnerung noch dieselben Feinde oder dieselben Freunde teilen.
Washington kann die 101. Luftlandedivision morgen früh nach Polen verlegen – und sie wäre zum Abendessen dort. Moskau kann der 1. Gardepanzerarmee den Marschbefehl geben – und er wird sofort ausgeführt. Ein deutscher General kann einer Batterie in Polen keinen Feuerbefehl erteilen. Ein französischer Admiral kann einer niederländischen Fregatte keinen direkten Befehl geben. Ein italienischer Pilot kann nicht einfach unter einem einzigen EU-Kommando gemeinsam mit einem finnischen Piloten starten. Maschinen und Truppenteile mögen existieren, aber wenn es ernst wird, treten nationale Parlamente, öffentliche Meinungen und Gefühle auf den Plan.
Beispielsweise sieht nicht jeder in Europa Russland auf dieselbe Weise. Für die baltischen Staaten und Polen ist Russland ein historischer Besatzer. Für viele Griechen und Bulgaren ist Russland ein orthodoxer großer Bruder. Für Ungarn oder die Slowakei kann Russland ein nützlicher Gegenpol zu Brüssels endlosen Moralpredigten sein. Für Zypern ist Russland das einzige ständige Mitglied des Sicherheitsrats, das konsequent gegen die Besetzung des Nordens Stellung bezieht. Solche Dinge sind nicht nur Fußnoten.
Das Problem ist daher von Anfang an nicht einfach die Feuerkraft. Panzer tragen nationale Hoheitszeichen, Flugzeuge fliegen mit nationalen Emblemen, Schiffe fahren unter nationaler Flagge. Gesamtsummen mögen auf einer PowerPoint-Folie beeindruckend aussehen, bedeuten aber in der Realität wenig.
Der wahre Grund, warum Europa weiterhin ein Papiertiger bleibt, liegt hier: nicht Eisenmangel, sondern Seelenmangel. Wir sind kein einziges Volk. Wir haben keine gemeinsame Geschichte. Wir haben keinen gemeinsamen Feind. Würde ein Ire für einen Letten sterben? Ein Luxemburger für einen Polen? Ein Deutscher für einen Litauer? Ein Tscheche für einen Griechen? Ein Spanier für einen Zyprioten? In den meisten Fällen: nein. Und das ist vollkommen verständlich.
Genau genommen sollten wir sogar dankbar sein, dass wir unsere nationale Identität, unsere Interessen und unseren Stolz weiterhin an erste Stelle setzen. Schließlich sind es die Nationen, die die Union bilden. Doch das ist nichts, was man ignorieren kann, wenn man große europäische Verteidigungspläne und außenpolitische Strategien entwirft. Wer sich eine gemeinsame Verteidigungsallianz parallel zur NATO wünscht, sollte sich fragen: Würden die EU-Streitkräfte kollektiv in einen Krieg gegen Russland oder die Türkei ziehen, um einen Mitgliedstaat zu verteidigen? Mindestens zweifelhaft.
Seien wir also realistisch: Einerseits ist Europas Feuerkraft – zumindest theoretisch – mehr als ausreichend, um europäische Souveränität gegenüber Russland zu verteidigen. Andererseits würden im praktischen Ernstfall, bei einem Angriff auf ein EU-Land, die Streitkräfte der anderen Mitgliedstaaten ohnehin im Rahmen von NATOs Artikel 5 zusammen mit den USA und der Türkei eingesetzt werden. Es gibt also keinen Grund, Angst vor den Russen zu haben – aber ebenso wenig sollte man sie provozieren, denn sie verfügen über beachtliche Waffen mit großer Zerstörungskraft.
Damit kommen wir zurück nach Brüssel und zu den rückgratlosen institutionellen Eliten, die angesichts der Aussicht auf Frieden in der Ukraine jammern. Sie erzählen uns, wir seien in Gefahr. Nein, sind wir nicht. In letzter Zeit sind sie auch ganz versessen darauf, Europa wieder aufzurüsten. Ja, militärische Stärke ist nötig, wenn man eine echte Weltmacht sein will. Dann aber hört auf, uns Märchen über die russische Bedrohung zu erzählen – schließt Frieden und rüstet euch gleichzeitig gut aus.
Europa war irgendwie seit zweitausend Jahren durchgehend ein furchterregender Krieger. Erinnern Sie sich an den Lateinunterricht? Si vis pacem, para bellum. Um den Willen zur Stärke zu rechtfertigen, braucht man keinen imaginären oder nicht existierenden Feind.
Quelle: https://brusselssignal.eu/2025/11/europes-paper-tiger-mightier-than-russia-yet-still-afraid-of-it/
