Die syrische Politik nach der Revolution: Sicherheit, Ideologie oder Politik?

Die syrische Frage nach der Revolution ist nicht nur ein außenpolitisches Thema, sondern zugleich ein neuer Ausdruck der Spannungen zwischen Ideologie, Sicherheit und Politik in der Türkei. Solange diese Spannungen nicht innerhalb eines analytischen Rahmens behandelt werden, werden sie weniger zur Lösung von Problemen beitragen als vielmehr neue Polarisierungen hervorbringen. Im Zentrum der Debatte steht dabei nicht die Identität Ahmet Şaras, sondern die sich zunehmend vergrößernde Distanz zwischen Ideologie und Wirklichkeit in der Türkei.
Februar 2, 2026
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Die Syrische Revolution und die Führung Ahmed al-Sharās: Ideologische Spiegelungen der Türkei

Die Debatten über Syrien in der Türkei nach der syrischen Revolution und dem Aufstieg Ahmed al-Sharās zur Führung spiegeln weniger die Realität vor Ort wider als vielmehr die ideologischen Positionen innerhalb der Türkei selbst. Während internationale Akteure die Lage primär aus der Perspektive von Sicherheit und staatlicher Kapazität bewerten, wird die Diskussion in der Türkei größtenteils über ideologische Reflexe, eine ideologische Nähe zum Assad-Regime und innenpolitische Kalküle geführt.

Dabei stellt die nach Assad entstandene neue politische Ordnung in Syrien weit mehr dar als einen bloßen Machtwechsel. Sie ist eine vielschichtige Transformation, die zugleich die Machtbalance im Nahen Osten, die strategischen Prioritäten des Westens und die innenpolitischen Debatten der Türkei beeinflusst. Die breite internationale Akzeptanz, die al-Shara erfährt, zeigt, dass sich dieser Prozess nicht auf einer ideologischen, sondern weitgehend auf einer pragmatischen Grundlage vollzieht.

Dass die USA, Russland, die Europäische Union, Großbritannien, China sowie regionale Akteure al-Shara anerkennen, ist nicht als Vorannahme zu verstehen, die von einem demokratischen oder liberalen Charakter der von ihm vertretenen Struktur ausgeht. Im Gegenteil: Diese Anerkennung ist das Resultat der Einschätzung, dass al-Sharas Führung nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes im entstandenen Machtvakuum über das höchste Potenzial zur Herstellung staatlicher Handlungsfähigkeit verfügt.

Mit anderen Worten: Das internationale System orientiert sich weniger an ideologischer Reinheit als an der Fähigkeit, Ordnung zu erzeugen. Die entscheidende Frage lautet nicht, wer ideologisch legitim ist, sondern wer Ordnung herstellen kann. Denn in der politischen Realität des Nahen Ostens speist sich Legitimität häufig nicht aus demokratischer Repräsentation, sondern aus der Fähigkeit zur Stabilisierung. In Regionen, in denen der Staat kollabiert ist, bemisst sich der Wert gesellschaftlicher Akteure nicht an ideologischer „Reinheit“, sondern daran, in welchem Maße sie Chaos kontrollieren können. Die internationale Akzeptanz der neuen syrischen Führung unter al-Shara ist daher als pragmatische Unterstützung für ihre staatenbildende und – im positiven Sinne – transformierende Kapazität zu verstehen.

Unterschiedliche Lesarten Ahmed al-Sharās

Die Debatten über al-Shara bewegen sich im Wesentlichen innerhalb zweier unterschiedlicher mentaler Deutungsrahmen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Lesarten zeigt sich nicht nur in politischen Präferenzen, sondern vor allem in der Art und Weise, wie Realität interpretiert wird. Die eine Perspektive ist ideologisch, die andere strategisch.

Die erste Lesart ist jene der türkischen Opposition sowie jener Kreise, die sich mit dem Assad-Regime identifizieren. Die zweite ist die westliche Bewertung al-Sharās. Der Unterschied zwischen diesen beiden Zugängen verdeutlicht zugleich, in welchem Maße bestimmte Gruppen in der Türkei Ereignisse und Akteure durch einen ideologischen Filter wahrnehmen.

Es wäre verkürzt zu behaupten, dass die ablehnende Haltung der türkischen Opposition und der Assad-nahen Kreise gegenüber al-Shara ausschließlich aus sicherheitspolitischen Bedenken resultiere. Vielmehr wirken hier tiefere und historisch gewachsene Ängste. Dieser Reflex ist nicht nur ideologisch, sondern auch eng mit dem historischen Gedächtnis der türkischen Modernisierung verbunden. Für große Teile der türkischen Linken erscheinen Akteure im Nahen Osten, deren muslimische Identität sichtbar ist, nicht allein als außenpolitische Akteure, sondern als symbolische Verlängerung der innenpolitischen Laizismus-Debatten.

Diese Angst speist sich aus zwei Hauptquellen. Erstens aus der Furcht vor einer soziologischen „Umzingelung“ der säkularen Republik durch den Nahen Osten. Zweitens aus der ideologischen Nähe und den gewachsenen Beziehungen dieser Kreise zum Assad-Regime. Aus dieser Perspektive wird die Führung des syrischen Staates durch einen Akteur mit salafitischem Hintergrund nicht lediglich als außenpolitische Entwicklung wahrgenommen, sondern als symbolische Bedrohung des türkischen „Modernisierungsprojekts“.

In diesem Sinne wird der Name al-Shara für bestimmte Kreise in der Türkei weniger zu einer außenpolitischen Figur als vielmehr zu einem symbolischen Objekt innenpolitischer Identitätskonflikte.

Der staatliche Umgang mit al-Shara hingegen folgt einer realistischen Logik. Für westliche Akteure ist al-Sharas ideologische Vergangenheit von sekundärer Bedeutung. Ausschlaggebend sind vielmehr seine Fähigkeit, Stabilität vor Ort zu erzeugen, und sein Potenzial, den Staatsapparat wieder funktionsfähig zu machen. Der Westen liest al-Shara daher nicht als „ideologischen Akteur“, sondern als mögliche Adresse einer kontrollierbaren Ordnung. Akteure werden nicht nach dem beurteilt, was sie repräsentieren, sondern danach, über welche Macht und Kapazitäten sie verfügen.

Die Neigung der türkischen Opposition und der Assad-nahen Kreise, politische Akteure weniger anhand ihres Handelns als vielmehr anhand ihrer symbolischen Bedeutung zu bewerten, findet international kaum Entsprechung. Diese Differenz führt dazu, dass ein und dasselbe Phänomen im Westen als strategische Notwendigkeit, in der Türkei jedoch als ideologische Bedrohung wahrgenommen wird.

Bemerkenswert ist dabei, dass die schärfste Kritik an al-Shara nicht aus dem Westen, sondern aus der türkischen Innenpolitik kommt. Einige politische Akteure tun sich schwer damit, die neue syrische Ordnung zu akzeptieren. Bei der Bewertung der neuen syrischen Führung blenden sie den repressiven, massenmörderischen und folternden Charakter des Assad-Regimes aus und ziehen es vor, Personen primär anhand ihrer Vergangenheit zu beurteilen. Mitunter äußert sich diese Haltung sogar in einer offenen Nostalgie für ein Regime, das für den Tod von über einer Million Menschen verantwortlich ist.

Die Annahmen, auf denen die Ablehnung gegenüber Ahmad Schara beruht

Diese ideologische Lesart stützt sich auf drei grundlegende Annahmen, die Diskurs und Haltung gegenüber der neuen syrischen Führung prägen. Erstens werden die aus Idlib hervorgegangenen Strukturen als homogener Block behandelt. Ideologische und strategische Unterschiede zwischen den einzelnen Organisationen werden innerhalb dieses Diskurses weitgehend nivelliert. Die neue Führung in Syrien wird als potenzielles „IS-Regime“ dargestellt. Auf diese Weise werden die komplexen Machtverhältnisse vor Ort auf eine einfache Kategorie von „Radikalismus“ reduziert. Die Realität im Feld zeigt jedoch, dass es zwischen radikalen Gruppen sowohl erhebliche Konkurrenz als auch tiefe Spaltungen gibt.

Die zweite Annahme besteht darin, Sicherheitsbedrohungen über historische Traumata neu zu produzieren. Die in der Vergangenheit in der Türkei verübten IS-Anschläge werden direkt mit der neuen Ordnung in Syrien verknüpft und emotional stark aufgeladen. Deutungen, wonach diese Anschläge gezielt darauf abgezielt hätten, Ankaras Syrienpolitik zu beeinflussen, verstärken diese Wahrnehmung zusätzlich. Dieser Diskurs erzeugt weniger eine analytische Sicherheitsbewertung als vielmehr eine politische Sprache, die kollektive Erinnerung mobilisiert.

Die dritte Annahme schließlich positioniert die neue Ordnung in Syrien als eine absolute Bedrohung für die Türkei. Das eigentliche Paradox liegt jedoch darin, dass jene Struktur, gegen die die Türkei jahrelang gekämpft hat, vor Ort an Einfluss verliert, während der Akteur, der dieses Ergebnis ermöglicht hat, in der Türkei als Bedrohung codiert wird. Die Distanz mancher politischer Akteure gegenüber Schara lässt sich daher weniger mit Sicherheitsbedenken als vielmehr mit ideologischen und politischen Positionierungen erklären. So wird die neue Realität in Syrien nicht aus den Dynamiken vor Ort heraus gelesen, sondern durch die ideologischen Codes der türkischen Innenpolitik gefiltert.

Gefangensein in alten ideologischen Mustern

Berücksichtigt man diese drei Grundannahmen, zeigt sich das zentrale Problem darin, dass die Opposition versucht, die neue Realität in Syrien mit alten ideologischen Mustern der türkischen Innenpolitik zu deuten. Hinzu kommt das Streben nach kurzfristigen innenpolitischen Vorteilen. Am Ende stehen wir einer Denkweise gegenüber, die in den engen politischen Kategorien der Vergangenheit verhaftet bleibt. Die Transformation in Syrien ist weder ein vollständig demokratischer Fortschritt noch ein durchweg radikaler Rückschritt. Sie ist vielmehr ein pragmatisches Produkt der Suche nach Ordnung nach einer Phase des Chaos. Die Debatten in der Türkei reduzieren diese komplexe Realität jedoch auf eine simple Dichotomie von Gut und Böse, anstatt sie analytisch zu durchdringen.

Die eigentlich entscheidende Frage lautet daher: Ist für die Türkei Scharas ideologische Vergangenheit wichtiger, oder ist es entscheidend, inwieweit die neue syrische Ordnung mit den Sicherheits- und Regionalinteressen der Türkei übereinstimmt? Internationale Akteure haben auf diese Frage eine pragmatische Antwort gegeben und ihre Positionen entsprechend geklärt. In der Türkei hingegen wird dieselbe Frage häufig im Schatten innenpolitischer Kalküle diskutiert. Vielleicht erklärt dies, warum weder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Massakern des Assad-Regimes stattgefunden hat noch der Versuch aufgegeben wird, die Existenz der neuen syrischen Führung zu negieren – ein Versuch, der sich in einer abwertenden Sprache, etwa rund um den Namen „Coloni“, konkretisiert.

An dieser Stelle ist auch auf die Haltung einiger Akteure außerhalb der Hauptopposition einzugehen. Ihre Positionen sind jedoch noch komplexer und widersprüchlicher. Die Haltung jener Kreise, die im Namen schiitischer Expansion die von Iran in Syrien begangenen Massaker ignorieren und das von Assad etablierte Folterregime unterstützen, lässt sich weniger durch politische Rationalität als durch identitäre und emotionale Dynamiken erklären. Die sprachlichen Parallelen zwischen bestimmten Kreisen im Umfeld der PKK und diesen Gruppen stellen wiederum ein eigenes Diskussionsthema dar. Auf diese Weise wird die Syrienfrage weniger zu einem außenpolitischen Thema als vielmehr zu einem Spiegel der ideologischen Polarisierungen in der Türkei – ein Spiegel, der die politischen und moralischen Positionen jener offenlegt, die trotz der Ermordung Hunderttausender das Assad-Regime unterstützen.

Die eigentliche Bedeutung der Syrienfrage

Zusammenfassend ist die Syrienfrage nach Schara nicht nur ein Thema der Außenpolitik, sondern eine neue Erscheinungsform der Spannung zwischen Ideologie, Sicherheit und Politik in der Türkei. Solange diese Spannung nicht in einem analytischen Rahmen behandelt wird, wird sie keine Lösungen hervorbringen, sondern lediglich neue Polarisierungen erzeugen. Im Zentrum der Debatte steht daher nicht Scharas Identität, sondern die wachsende Kluft zwischen Ideologie und Realität in der Türkei.

Das Syrien nach Schara ist für die Türkei weniger ein klassisches außenpolitisches Problem als vielmehr ein Spiegel, der das Land dazu zwingt, seine eigene politische und ideologische Landkarte neu zu überdenken. Die Debatte handelt somit weniger von Syrien als von der Türkei selbst. Die neue Realität im Nahen Osten mit alten Begriffen zu deuten, ist keine Analyse, sondern lediglich ein reflexhaftes Reagieren. Auf einer solchen Grundlage ist es unmöglich, eine rationale und konsistente Politik zu entwickeln. Letztlich ist die Debatte über Syrien nach Schara in Wahrheit eine Debatte über die Türkei selbst.

Adnan Boynukara

Zwischen 1987 und 2009 arbeitete er als Ingenieur und Manager in verschiedenen Institutionen. Von 2009 bis 2015 war er als Hochberatender bei dem Ministerium für Justiz tätig. In der 25. und 26. Legislaturperiode war er als Abgeordneter der Provinz Adıyaman im türkischen Parlament (TBMM) tätig. Er hat Arbeiten in den Bereichen öffentliche Verwaltung, Sicherheit, Terrorismusbekämpfung, Konfliktlösung und Friedensprozesse durchgeführt.

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