Beziehung zwischen SDG und Israel: Die Syrien-Gleichung und ihre Auswirkungen auf die Türkei

Die von Israel bereitgestellte logistische, finanzielle und militärische Unterstützung für SDG/YPG stellt sowohl im Hinblick auf die Grenzsicherheit der Türkei als auch auf die regionalen Machtgleichgewichte eine kritische Variable dar. Konkrete Daten zeigen, dass sich an der Südgrenze der Türkei ein dauerhaftes Bedrohungselement herausgebildet hat und dass der syrische Ableger der PKK durch externe Unterstützung geschützt wird. Diese Entwicklung ist für Ankara kein Thema, das ignoriert werden kann.
Dezember 29, 2025
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Washington Post, 23. Dezember: Israels verdeckte Aktivitäten in Syrien und die Rolle von SDG/YPG

Die Washington Post veröffentlichte am 23. Dezember eine investigative Recherche mit dem Titel „How Israeli covert activities in Syria seek to thwart its new government“ („Wie Israels verdeckte Aktivitäten in Syrien darauf abzielen, die neue Regierung zu untergraben“). Die von Gerry Shih, Ari Flanzraich, Adam Chamseddine und Ilan Ben Zion unterzeichnete Untersuchung analysiert detailliert die Aktivitäten Israels in Syrien. In der Recherche werden unterschiedliche Themenfelder beleuchtet, wobei insbesondere die Beziehungen zwischen SDG/YPG und Israel, die Bemühungen zur Schwächung der syrischen Regierung, die Verschiebungen der Machtverhältnisse sowie kritische Faktoren, die die Sicherheitsbedenken der Türkei beeinflussen, hervorgehoben werden.

Während die Untersuchung die indirekten Auswirkungen der israelischen Operationen in Syrien offenlegt, macht sie zugleich die Rolle von SDG/YPG anhand konkreter Daten sichtbar. Diese Beziehung erweist sich als ein Faktor, der sowohl die politische Integrität Syriens als auch das Sicherheitsumfeld der Türkei beeinflusst. Das sich abzeichnende Gesamtbild zeigt, dass das Verhältnis zwischen SDG/YPG und Israel nicht nur taktischer Natur ist, sondern eine strategische Dimension besitzt, die die Zukunft Syriens und die Sicherheit der Türkei unmittelbar betrifft.

Zentrale Erkenntnisse der Untersuchung

Die Recherche der Washington Post bringt mehrere grundlegende Befunde zu den Dynamiken vor Ort zutage. Erstens wird festgestellt, dass Israel verdeckte Operationen durchführt, um die neue Regierung in Damaskus zu schwächen und eigene strategische Ziele voranzutreiben. Diese Aktivitäten sollen insbesondere über drusische Gemeinschaften sowie über SDG/YPG abgewickelt werden. Zweitens hebt die Untersuchung hervor, dass SDG/YPG aus israelischer Sicht als funktionale „Schnittstelle“ genutzt wird. Ein Teil der Unterstützung Israels für bewaffnete drusische Gruppen werde demnach über Kanäle von SDG/YPG weitergeleitet. Dabei handelt es sich nicht um punktuelle oder kurzfristige Hilfen, sondern um den Aufbau einer koordinierten operativen Struktur. Dies untermauert die Annahme, dass SDG/YPG synchron mit den strategischen Zielen Israels agiert.

Drittens stehen die Erkenntnisse im Zusammenhang mit Berichten, wonach drusische Kämpfer von Israel bezahlt werden und diese Gruppen mit Waffen, Munition und medizinischem Material versorgt werden. In diesem Kontext sind auch die Hinweise vom 17. Dezember 2024 zu sehen, denen zufolge Israel militärisches Material per Luftweg an drusische Milizen geliefert haben soll. Diese Befunde fügen sich in Israels Strategie ein, Einfluss auf dem Gefechtsfeld auszuüben, ohne selbst offen mit militärischer Präsenz aufzutreten.

Die Untersuchung stützt zudem die Behauptung, dass SDG/YPG auch Ausbildungsunterstützung für drusische bewaffnete Gruppen leistet und zwischen beiden Akteuren eine operative Zusammenarbeit besteht. SDG/YPG beschränkt sich demnach nicht nur auf militärische Ausbildung und operative Unterstützung, sondern agiert in Abstimmung mit der israelischen Luft- und Bodenlogistik, um im Süden Syriens jene Sicherheits- und Gleichgewichtslinien zu stützen, die von Israel definiert wurden.

Ziel dieses umfassenden Unterstützungs- und Koordinationsmechanismus ist es, eine fragmentierte Machtarchitektur zu etablieren, die die Bemühungen der Regierung in Damaskus untergräbt, eine zentrale Autorität durchzusetzen. Israel versucht mit diesen verdeckten Operationen, die neue Führung in Damaskus einzuhegen und aus bestehenden Machtvakuums strategische Vorteile zu ziehen.

Diese Beziehung geht deutlich über eine klassische militärische Allianz hinaus. Die Rolle von SDG/YPG ist nicht allein auf Logistik und operative Koordination beschränkt. Vielmehr fungiert die Organisation faktisch als funktionaler Bestandteil der israelischen Strategie in Syrien und entwickelt sich sowohl auf dem syrischen Schauplatz als auch im regionalen Machtgefüge zu einem mit Israel verbundenen Instrument.

Mögliche Auswirkungen auf die Region und auf Syrien

Die Untersuchung betont, dass die Beziehung zwischen SDG/YPG und Israel auch auf regionaler Ebene konkrete Auswirkungen entfaltet. SDG/YPG positioniert sich dadurch in einer anti-iranischen Haltung und versucht, die Kooperation mit Israel in diesem Rahmen zu legitimieren. Obwohl SDG/YPG unter dem Schutz der USA agiert, zeigt die Recherche klar auf, dass Israel diese Struktur operativ nutzen kann. Dies schafft ein komplexes Kräftegleichgewicht im Dreieck USA–Israel–SDG/YPG und beeinflusst die regionale Geopolitik nachhaltig. Insgesamt trägt diese Konstellation dazu bei, dass sich die Region zunehmend entlang der strategischen Prioritäten Israels formiert.

Zu den konkreten Folgen der SDG/YPG–Israel-Beziehung auf dem syrischen Schauplatz zählt nicht nur die Schwächung der zentralen Autorität in Damaskus, sondern auch die Verfestigung fragmentierter Machtstrukturen, die die Herausbildung einer funktionierenden Zentralgewalt verhindern. Feldstudien zeigen, dass das koordinierte Vorgehen von SDG/YPG und drusischen Milizen die Stabilität weiter erschwert und Prozesse begünstigt, die – auch ohne offene Gewalt – in dauerhafte Spannungen und „eingefrorene Konflikte“ münden können. Mit anderen Worten: Die SDG/YPG–Israel-Beziehung verändert nicht nur die militärischen Kräfteverhältnisse vor Ort, sondern führt zu tiefgreifenden und langfristigen Transformationen der politischen und militärischen Struktur Syriens und erhöht damit das Risiko anhaltender Instabilität.

Mögliche Reaktionen der syrischen Regierung

Der Untersuchung zufolge verfügt die Regierung in Damaskus über mehrere Handlungsoptionen, um auf die Beziehung zwischen SDG/YPG und Israel zu reagieren. Diese möglichen Reaktionen lassen sich in vier Kategorien einteilen.

Erstens: die Stärkung militärischer Zentralisierung und operativer Kontrolle. Insbesondere in den von SDG/YPG dominierten nordöstlichen Gebieten sowie in den südlichen Regionen mit starker drusischer Präsenz könnte Damaskus versuchen, seine Autorität durch militärische Operationen und administrative Ernennungen auszubauen. Dies könnte den Aufbau begrenzter Stützpunkte, die Integration lokaler Kommandeure in zentrale Strukturen sowie die direkte Koordination von Operationen durch staatliche Sicherheitskräfte umfassen.

Zweitens: Druck auf SDG/YPG durch Integration und Verhandlungen. Die syrische Führung könnte versuchen, ihren Einfluss durch lokale Verwaltungsentscheidungen, die Umstrukturierung von Sicherheitsapparaten oder durch bisher geführte offizielle Verhandlungen auszuweiten. Sollte SDG/YPG diese Verhandlungsangebote jedoch als Zeichen von Schwäche interpretieren, besteht zugleich die Gefahr realer militärischer Auseinandersetzungen.

Drittens: internationale Ächtung Israels. Damaskus könnte Israels Aktivitäten auf syrischem Territorium als „expansionistisch und destabilisierend“ brandmarken und diese Vorwürfe auf internationalen Plattformen wie den Vereinten Nationen, der Organisation für Islamische Zusammenarbeit oder der Arabischen Liga vorbringen, um diplomatischen Druck aufzubauen.

Viertens: der Ausbau regionaler Kooperationen. Die syrische Regierung könnte die Koordination mit der Türkei und arabischen Staaten intensivieren, um den Einfluss von SDG/YPG und Israel vor Ort auszugleichen. Dies könnte sich in gemeinsamen Sicherheitsmechanismen, Abkommen zur Grenzsicherung und vertiefter militärischer Zusammenarbeit konkretisieren.

Die Untersuchung weist zudem darauf hin, dass al-Scharaa Israel als „expansionistisch“ bezeichnet hat und dass diese Einschätzung das Risiko regionaler Konflikte weiter erhöht. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass sich die möglichen Reaktionen der Regierung in Damaskus auf unterschiedlichen Ebenen im syrischen Raum niederschlagen werden.

Bedeutung aus türkischer Perspektive

Die von Israel bereitgestellte logistische, finanzielle und militärische Unterstützung für SDG/YPG stellt sowohl für die Grenzsicherheit der Türkei als auch für die regionalen Machtgleichgewichte einen kritischen Faktor dar. Die in der Untersuchung angeführten konkreten Daten zeigen, dass sich an der Südgrenze der Türkei ein dauerhaftes Bedrohungselement herausgebildet hat und dass der syrische Ableger der PKK durch externe Unterstützung abgesichert wird. Dies ist eine Entwicklung, die Ankara nicht ignorieren kann.

Ebenso wenig ist es möglich, dass die von SDG/YPG mit Israel aufgebaute Beziehung ohne Auswirkungen auf den in der Türkei fortgeführten Lösungsprozess bleibt. Während im Rahmen des mit der Türkei geführten Prozesses weiterhin von Entwaffnung und Auflösung der Organisation die Rede ist, stellt der gleichzeitige Aufbau von Beziehungen zu Israel an der Südgrenze einen gravierenden Widerspruch dar.

Die Recherche der Washington Post bestätigt die strategischen Einschätzungen von Außenminister Hakan Fidan zu SDG/YPG anhand konkreter Fakten. Wie Fidan betont, ist SDG/YPG nicht lediglich ein lokaler Akteur in Syrien, sondern ein Stellvertreterinstrument, das im Einklang mit den strategischen Interessen regionaler und globaler Mächte eingesetzt wird. Die Nutzung des syrischen PKK-Ablegers durch internationale Akteure als logistisches und operatives Mittel, sein Beitrag zur Schwächung der zentralen Autorität Syriens sowie die Tatsache, dass Israels militärische Unterstützung für drusische Gruppen die operativen Kapazitäten von SDG/YPG in Syrien stärkt, erzeugen aus türkischer Sicht unmittelbare Sicherheitsbedrohungen.

Es ist daher entscheidend, das Gesamtbild korrekt zu lesen: Die Beziehung zwischen Israel und SDG/YPG bedeutet einen weiteren Machtverlust des zentralen Staates in Syrien und die Fortdauer regionaler Machtvakuums. Dass SDG/YPG für unterschiedliche Akteure – einschließlich Israels – logistische und operative Funktionen übernimmt, vertieft nicht nur die regionale Instabilität, sondern erhöht auch die grenzüberschreitenden Sicherheitsrisiken für die Türkei. Es ist kaum vorstellbar, dass die Türkei diese Realität in ihren Sicherheitsstrategien unberücksichtigt lässt.

Da die im Abkommen vom 10. März vorgesehene Frist Ende 2025 ausläuft, sinkt die Hoffnung, das SDG/YPG-Problem über einen politischen Prozess zu lösen. Dies könnte sowohl die Wahrscheinlichkeit militärischer Eskalationen und direkter Interventionen als auch das Potenzial Israels erhöhen, sich weiter in die inneren Angelegenheiten Syriens einzumischen. In einem solchen Szenario dürfte auch der laufende PKK-Prozess davon betroffen sein. Dass SDG/YPG ungeachtet der türkischen Forderungen versucht, den Status quo zu bewahren, als habe sich in Syrien nichts verändert, lässt sich nur als politische Blindheit erklären.

Dass die Folgen dieser Blindheit im Jahr 2026 deutlich sichtbar werden könnten, erscheint nahezu unausweichlich.

Quelle: http://perspektifonline.com

Adnan Boynukara

Zwischen 1987 und 2009 arbeitete er als Ingenieur und Manager in verschiedenen Institutionen. Von 2009 bis 2015 war er als Hochberatender bei dem Ministerium für Justiz tätig. In der 25. und 26. Legislaturperiode war er als Abgeordneter der Provinz Adıyaman im türkischen Parlament (TBMM) tätig. Er hat Arbeiten in den Bereichen öffentliche Verwaltung, Sicherheit, Terrorismusbekämpfung, Konfliktlösung und Friedensprozesse durchgeführt.

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