Die politische Ingenieurkunst der israelischen Besatzung im Kontext der Hamas-Proteste

Die Entscheidung von Hamas, Gaza nicht zu regieren, und die weiterhin vorgebrachten Forderungen nach ihrem Rücktritt können zu der Interpretation führen, dass die Volksproteste von außen gesteuert und für politische Ingenieurkunstzwecke genutzt werden. In diesem Prozess könnte die Rückkehr von Figuren wie Mohammed Dahlan darauf hindeuten, dass eine aktualisierte Version früherer Putschversuche inszeniert wird.
April 2, 2025
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In den frühen Stunden des 7. Oktobers 2023 begann die Aksa-Flut-Operation, nach der die Angriffe Israels auf Gaza nicht nur eine Reihe militärischer Operationen darstellten, sondern auch eine Kriegsform, die tiefgreifende Auswirkungen auf die gesellschaftliche Struktur, die Medienrhetorik und die internationale öffentliche Meinung hatte. Nach diesem Prozess setzte Israel seine Politik des Völkermords in Gaza fort, und am 19. Januar 2025 wurde ein Waffenstillstand zwischen den Parteien erreicht. Doch Israel brach den Waffenstillstand und kehrte zur Politik des Völkermords zurück. Seit der zweiten Märzwoche 2025 sind in den westlichen Medien als „Hamas-kritische Proteste“ bezeichnete Demonstrationen aufgekommen, die auf den ersten Blick wie eine natürliche Reaktion auf das Trauma der Bevölkerung erscheinen mögen. Eine genauere Analyse zeigt jedoch, wie diese Proteste auf der diskursiven Ebene manipuliert und in geopolitische Kontexte eingebettet werden.

Der Kontext der Proteste

In den nördlichen Gebieten Gazas, insbesondere in Städten wie Beit Lahia, gab es Proteste, bei denen Forderungen nach dem Ende des Krieges, dem Stopp von Zwangsumsiedlungen und der Erfüllung grundlegender humanitärer Bedürfnisse im Vordergrund standen. Protestierende, die dem Al-Jazeera-Kanal ein Interview gaben, erklärten, dass sie Slogans wie „Das Blut unserer Kinder ist nicht billig“, „Der Krieg muss enden“, „Wir wollen leben“ trugen. Sie gaben an, dass sie ihre Stimmen gegen die Bedrohungen von Tod, Hunger und Vertreibung erhoben. Diese Forderungen können als Spiegelbild eines humanitären Strebens angesehen werden, das den physischen und emotionalen Zusammenbruch der Bevölkerung widerspiegelt. Daher, im Gegensatz zu der westlichen Darstellung, zeigen diese Proteste nicht eine Kritik an Hamas, sondern an Israel und dem Krieg im Allgemeinen.

Dennoch gibt es ernsthafte Hinweise darauf, dass einige der in den Protesten geäußerten Forderungen – wie etwa die Aufforderung, dass Hamas von der Führung zurücktritt – in den Medien hervorgehoben wurden. Dies könnte darauf hindeuten, dass diese Proteste im Rahmen geopolitischer Ingenieurkunst genutzt werden. Die gleichzeitige Berichterstattung in westlichen Medien wie Foreign Affairs, Wall Street Journal und Washington Post lässt darauf schließen, dass diese Proteste in einem bestimmten politischen Rahmen für das internationale Publikum präsentiert werden. Besonders die Aussagen von israelischen Militärsprechern, die die Proteste unterstützten, und die Berichterstattung durch israelische Medien, die mit Kommentaren wie „Das Volk Gazas will Hamas nicht“ die Proteste darstellten, deuten darauf hin, dass es sich bei diesen Protesten um mehr als nur eine spontane Volksbewegung handelt.

Ein wesentlicher Aspekt, der in dieser Debatte häufig übersehen wird, ist die Haltung von Hamas zur Fortsetzung ihrer Regierungsführung in Gaza. Im Jahr 2024 wurde von Ägypten ein Plan vorgelegt, der vorschlug, Gaza nach dem Krieg von einer neutralen technokratischen Regierung oder einem unabhängigen Verwaltungskomitee führen zu lassen. Hamas nahm diesen Plan positiv auf und erklärte öffentlich, auf die Verantwortung für die Verwaltung zurückzutreten. In diesem Kontext ist es wichtig zu beachten, dass Hamas deutlich erklärt hat, dass sie Gaza weiterhin nicht regieren werde, unabhängig davon, ob Wahlen abgehalten werden oder nicht. Daher erscheint die Forderung „Hamas solle die Führung aufgeben“, die in den Protesten geäußert wurde, als wenig sinnvoll. Dies könnte darauf hindeuten, dass der Inhalt dieser Proteste von der politischen Realität vor Ort entfremdet ist und von bestimmten Akteuren gesteuert wird. Eine Bewegung, die bereits erklärt hat, dass sie sich von der Verwaltung zurückziehen wird, als Ziel zu nehmen, wirft ernsthafte Fragen zur Legitimität dieser Proteste auf.

Der Schatten der Außenintervention

Ein weiteres bemerkenswertes Element der Proteste ist die Identität einiger Akteure, die an den Demonstrationen teilgenommen haben. Zu diesen gehört unter anderem Hischam Biravi, der enge Verbindungen zu Mohammed Dahlan, dem ehemaligen Gaza-Verantwortlichen der Palästinensischen Nationalbehörde (PNA), pflegt und derzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten lebt. Diese Verbindungen lassen darauf schließen, dass die Proteste weniger eine spontane zivilgesellschaftliche Reaktion sind, sondern vielmehr durch externe Akteure organisiert wurden. Der Name Mohammed Dahlan ist untrennbar mit dem gescheiterten Putschversuch von 2008 verbunden, der gegen Hamas gerichtet war. Dieser Putsch wurde von den VAE finanziert, und der damalige US-Präsident George W. Bush soll Dahlan als „unseren Mann“ bezeichnet haben. Hamas konnte diesen Putsch vereiteln und Dahlan aus Gaza vertreiben. Dass nun wieder dieselben Akteure auf der Bildfläche erscheinen, könnte darauf hindeuten, dass der gesamte Prozess von internationalen und regionalen Mächten orchestriert wurde. In einem 2013 in Israel-freundlichen Denkfabriken veröffentlichten Artikel mit dem Titel „The Call for Rebellion against Hamas in Gaza“ wurde gesehen, dass Dahlan und PLO-Führer wie Majid Farac und Azzam el-Ahmet die Gazaner aufriefen, sich gegen Hamas zu erheben. Diese Aufrufe ähneln den aktuellen Protesten in ihrer Rhetorik.

Medienrhetorik und Stammesvorwürfe

Die gleichzeitige Berichterstattung der westlichen und israelischen Medien über die Proteste deutet darauf hin, dass eine koordinierte Rahmenstrategie verfolgt wurde. In diesen Medienberichten wurde auch behauptet, dass die Proteste von Stammesführern aus dem Norden Gazas organisiert wurden. Wer diese Stammesführer sind, wie viel Unterstützung sie in der Bevölkerung haben und in welchem Maße sie gesellschaftliche Repräsentation genießen, bleibt jedoch unklar. An dieser Stelle ist bekannt, dass Israel in der Vergangenheit versucht hat, durch Kontakte zu Stammesstrukturen eine alternative Führung zu Hamas zu schaffen. Diese Strategie kann als ein Versuch Israels interpretiert werden, die Verbindung zwischen dem Gazanischen Volk und der Widerstandsbewegung zu durchbrechen. Der Einsatz von Stammesstrukturen in diesem Prozess unterstützt die Ansicht, dass die Proteste nicht durch interne Dynamiken, sondern durch externe strategische Agenden geformt wurden.

Die Legitimität des Widerstands im Kontext der Proteste

Es ist natürlich, dass innerhalb der Bevölkerung Gazas auch Menschen existieren, die nicht für Hamas gestimmt haben und unterschiedliche politische Ausrichtungen vertreten. Protestieren ist in demokratischen Gesellschaften ein legitimes Recht. Doch in einem besetzten Gebiet wie Palästina werden solche Proteste von den Besatzungskräften als legitimierende Elemente genutzt, was die politischen Auswirkungen der Aktionen verstärken kann. Hamas hat sich in der Vergangenheit während der Operation vom 7. Oktober für zivile Verluste entschuldigt und betont, dass sie das Leid der Bevölkerung versteht. Allerdings kann die Manipulation dieser Kritik so genutzt werden, dass sie die israelische Besatzung unsichtbar macht und die Proteste von ihrem legitimen Boden entfernt. Das Ziel Israels ist nicht nur Hamas zu bekämpfen, sondern den bewaffneten Widerstand, die Unterstützung des Volkes und den sozialen Zusammenhalt zu zerstören. In diesem Kontext können gezielte Angriffe auf zivile Bereiche als Teil einer mehrdimensionalen Strategie verstanden werden, die nicht nur militärische, sondern auch psychologische und gesellschaftliche Konsequenzen zielt.

Fazit

Die Proteste in Gaza könnten als eine natürliche Reaktion auf die schweren humanitären Bedingungen und die Erschöpfung durch den Krieg verstanden werden. Dennoch spielt die Art und Weise, wie diese Proteste rhetorisch gerahmt und von bestimmten Akteuren angeeignet werden, eine entscheidende Rolle dabei, die wahre Natur dieser Aktionen zu verstehen. Die gleichzeitige Darstellung der Proteste in westlichen und israelischen Medien als eine „Rebellion gegen Hamas“ weckt Zweifel daran, dass diese Aktionen bestimmten politischen Agenden dienen.

Dass trotz Hamas‘ Entscheidung, Gaza nicht mehr zu verwalten, weiterhin Forderungen nach ihrem Rücktritt als Regierung im Rahmen der Proteste geäußert werden, lässt den Schluss zu, dass die Reaktionen der Bevölkerung von außen gelenkt und zu politischen Zwecken manipuliert werden. Insbesondere das Wiederauftauchen von Figuren wie Mohammed Dahlan könnte auf eine Aktualisierung vergangener Putschversuche hinweisen, die erneut ins Spiel gebracht werden.

Letztlich ist es entscheidend, zwischen legitimen zivilen Reaktionen und den manipulativen Effekten externer Interventionen zu unterscheiden, um die nachhaltige Legitimität des palästinensischen Widerstands und seine gesellschaftliche Anerkennung zu wahren. Die Beurteilung, ob es sich bei den Protesten um authentische Volksforderungen oder um ein Produkt der besetzenden Mächte handelt, muss unter Berücksichtigung der beteiligten Akteure, der zeitlichen Abläufe, der Rhetorik und der Medienkoordinierung erfolgen. Nur so kann eine klare Trennung zwischen den legitimen Forderungen des Volkes und externen Einflüssen, die die Legitimität des Widerstands gefährden könnten, gewährleistet werden.

Dr. Mehmet Rakipoğlu

Dr. Mehmet Rakipoğlu schloss 2016 sein Studium im Bereich Internationale Beziehungen an der Sakarya Universität ab. Seine Dissertation mit dem Titel „Verteidigungsstrategie in der Außenpolitik: Die Beziehungen Saudi-Arabiens zu den USA, China und Russland nach dem Kalten Krieg“ wurde erfolgreich abgeschlossen. Rakipoğlu arbeitete als Direktor für Türkei-Studien am Mokha Center for Strategic Studies und ist derzeit Dozent an der Abteilung für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Mardin Artuklu Universität.

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