Syrien: Das letzte Ringen – Eine starke Botschaft vom Qasyun aus

Der am Montag erfolgte Besuch in Damaskus war kein gewöhnlicher Termin im diplomatischen Kalender, sondern eine klare geopolitische Botschaft an das Geschehen vor Ort, an die beteiligten Akteure und insbesondere an Israel.
Dezember 24, 2025
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Der am Montag erfolgte Besuch in Damaskus war kein gewöhnlicher Halt im diplomatischen Kalender; er stellte eine offene geopolitische Botschaft an das Geschehen vor Ort, an die beteiligten Akteure und insbesondere an Israel dar. Indem Präsident Recep Tayyip Erdoğan Verteidigungsminister Yaşar Güler, Außenminister Hakan Fidan und den MIT-Präsidenten İbrahim Kalın zeitgleich nach Damaskus entsandte, erklärte er unmissverständlich, dass das Syrien-Dossier kein Feld mehr für unkontrollierte Interventionen, durch einseitige Luftschläge betriebene Machtengineering-Experimente und destabilisierende externe Manöver ist. Dieser Besuch diente nicht nur der Kontaktaufnahme mit Damaskus, sondern war zugleich eine klare Warnung an alle Akteure, die das Gleichgewicht auf dem syrischen Schauplatz stören – allen voran an Israel, das in den vergangenen Monaten versucht hat, durch militärischen Druck politische Ergebnisse zu erzwingen.

Die Übernahme des Postens des stellvertretenden Außenministers Nuh Yılmaz als Botschafter in Damaskus machte deutlich, dass es sich dabei nicht um eine vorübergehende diplomatische Geste, sondern um den Beginn eines langfristigen, institutionell verankerten politischen Engagements handelt. Der Blick vom Berg Qasyun auf Damaskus war mehr als bloße Symbolik: Er war ein stiller, aber kraftvoller Ausdruck der Botschaft „Damaskus ist nicht schutzlos“ – eine Antwort auf den Versuch, durch Luftangriffe auf die Hauptstadt psychologische Überlegenheit zu demonstrieren. Der Besuch des MIT-Präsidenten İbrahim Kalın am Grab al-Farabis erinnerte über militärische und nachrichtendienstliche Signale hinaus daran, dass Syrien kein beliebig fragmentierbarer Sicherheitsraum ist, sondern ein Gebiet mit historischer Tiefe und zivilisatorischer Kontinuität. Mit diesem Besuch betrat die Türkei den Schauplatz nicht nur mit Macht, sondern auch mit Sinn, Erinnerung und politischem Willen.

Im Zentrum des Besuchs stand zugleich die sich vertiefende Blockade zwischen der Regierung in Damaskus und den SDF. Die Aussagen von Außenminister Hakan Fidan auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem syrischen Amtskollegen legten den Kern des Problems offen. Dass die SDF nicht gewillt sind, in den Integrationsgesprächen mit Damaskus Fortschritte zu erzielen, ist inzwischen unübersehbar. Noch gravierender ist, dass die Koordinierung bestimmter Aktivitäten der SDF mit Israel zum größten Hindernis der laufenden Verhandlungen geworden ist. Fidans Betonung, „die Stabilität Syriens ist die Stabilität der Türkei“, machte unmissverständlich klar, dass es sich aus Ankaras Sicht nicht um ein bloßes außenpolitisches Thema, sondern um eine unmittelbare Sicherheitsfrage handelt.

Hinter der Blockade vor Ort stehen veränderte Machtverhältnisse. Die seit dem Sommer zunehmenden israelischen Luftangriffe auf Syrien haben die militärische Abschreckungsfähigkeit Damaskus’ erheblich geschwächt. Dass sich die syrische Armee in Suweida nach Angriffen auf den Präsidentenpalast und das Verteidigungsministerium zurückziehen musste, war nicht nur ein militärischer Rückschritt, sondern auch ein psychologischer Bruch für alle Akteure der Region. Diese Lage ermutigte die SDF. Die Einschätzung, dass die militärische Drohkulisse aus Damaskus nicht mehr so wirksam ist wie früher, veränderte ihre Haltung am Verhandlungstisch grundlegend.

Diese Veränderung spiegelte sich offen in den Forderungen wider. Gespräche, die sich zuvor um begrenzte Themen wie lokale Verwaltungsmodelle in kurdisch geprägten Gebieten, die Integration bewaffneter Kräfte in die Armee oder die Zukunft der Sicherheitsarchitektur gedreht hatten, wichen einer völlig anderen Tonlage. Die SDF setzten sich nun mit dem Anspruch an den Tisch, die Zukunft ganz Syriens mitzugestalten, statt lediglich den Status ihrer eigenen Gebiete zu verhandeln. Ziel war faktisch, alles Bestehende zu bewahren, Damaskus nur eine symbolische Loyalität zuzugestehen und im Gegenzug die verfassungsrechtliche Ordnung nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Das war kein Angebot zur Einigung, sondern eine offene Vorgabe.

Mit der Verschiebung der Machtbalance begnügten sich die SDF nicht damit, Distanz zu Damaskus zu wahren; sie suchten zugleich den Aufbau einer anti-damaskischen politischen und konfessionellen Koalition. Kontaktversuche mit alawitischen Kreisen entlang der Linie Latakia–Tartus sowie mit israelnahen drusischen Akteuren in Suweida gehörten zu dieser Strategie. Doch diese Initiativen fanden nicht den erhofften Widerhall. Christen, Ismailiten, Turkmenen und selbst die zahlenmäßig sehr kleine jüdische Gemeinschaft Syriens schlossen sich diesem Projekt nicht an. Das von den SDF konstruierte Gefüge blieb ohne gesellschaftliche Legitimität.

Für die Führung in Damaskus bleiben zwei zentrale Ungewissheiten bestimmend. Erstens ist weiterhin unklar, wie Israel im Falle einer militärischen Eskalation reagieren würde; die Möglichkeit einer erneuten Intervention aus dem Süden erschwert die Kalkulationen erheblich. Zweitens betrifft die Unsicherheit die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und zur internationalen Öffentlichkeit. Nach Jahren des Krieges und in einer Phase erneuter Suche nach Legitimität muss Damaskus jeden Schritt sorgfältig abwägen, der diesen Prozess gefährden könnte.

Dennoch läuft die Zeit. Während die Frist für die Integration der SDF in den syrischen Staat ihrem Ende entgegengeht, deuten die Signale aus dem Feld darauf hin, dass die Spannungen nicht nachlassen. Die jüngsten Zusammenstöße in Aleppo sind eine deutliche Warnung, dass sich der Prozess womöglich nicht allein am Verhandlungstisch lösen lässt. Sollte keine Einigung erzielt werden, wird ernsthaft darüber diskutiert, dass Damaskus – ähnlich wie im Fall Idlib – zu einem schnellen, begrenzten, aber wirkungsvollen militärischen Schritt greifen könnte.

Genau an dieser Schwelle fand der Besuch der Türkei in Damaskus statt. Ankara beschränkte sich nicht auf diplomatische Ermahnungen, sondern erinnerte zugleich an die Realität vor Ort. Die Botschaft war klar: Die Stabilität Syriens ist unmittelbar mit der Sicherheit der Türkei verknüpft, und jeder Versuch, diese Stabilität zu untergraben, wird nicht unbeantwortet bleiben. Die von den SDF gemeinsam mit Israel geschaffene Grundlage ist weder für Damaskus noch für Ankara eine akzeptable Option.

Kurzum: Die Grauzonen verschwinden rasch. Die SDF stehen vor einer Entscheidung – entweder werden sie ein tatsächlicher Teil der syrischen Staatsstruktur oder sie bleiben außerhalb dieser Ordnung. Der kraftvolle Besuch der Türkei in Damaskus hat deutlich gemacht, dass dieser Prozess keinen Aufschub und keine Verzögerungstaktiken mehr duldet. Die kommenden Tage werden nicht nur über eine Integrationsfrage entscheiden, sondern darüber, entlang welcher Achse sich die Zukunft Syriens formen wird.

Turan Kışlakçı

Turan Kışlakçı absolvierte sein Hochschulstudium in Islamabad und Istanbul. Seine journalistische Laufbahn begann bereits in der Mittelschulzeit. Er arbeitete als Auslandsredakteur bei der Zeitung Yeni Şafak. Kışlakçı ist Gründer der Plattformen Dünya Bülteni und Timeturk. Er übernahm leitende Funktionen bei mehreren bedeutenden Medieninstitutionen: Als Leiter der Nahost- und Afrika-Berichterstattung bei der Anadolu Ajansı sowie als Generalkoordinator bei TRT Arabisch.

Zudem war er Vorsitzender der Türkisch-Arabischen Journalistenvereinigung sowie der MEHCER-Stiftung und bekleidete das Amt des Staatssekretärs im katarischen Kulturministerium. Derzeit moderiert er die Sendung „Fildişi Kule“ (Elfenbeinturm) beim Sender Ekol TV und schreibt regelmäßig für die arabischsprachige Zeitung al-Quds al-Arabi. Er ist Autor von zwei Büchern über den Nahen Osten.

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