Von Ali Başhamba zu İbrahim Kalın: Der Schatten der Teşkilat-ı Mahsusa

Die Teşkilat-ı Mahsusa gehörte zu den einflussreichsten, geheimnisvollsten und wirkungsmächtigsten Institutionen jener epischen, zugleich jedoch tragischen und dramatischen Epoche, in der das Osmanische Reich um seine Existenz kämpfte und sämtliche begrenzten Ressourcen mobilisierte. Auch wenn die Ursprünge der Teşkilat-ı Mahsusa bis zum Italienisch-Türkischen Krieg in Libyen (Trablusgarp-Krieg) zurückreichen, fiel ihre aktivste Phase in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Obwohl die Organisation häufig als Geheimdienst bezeichnet wird, handelte es sich in Wirklichkeit um eine komplexe Struktur, die neben nachrichtendienstlichen Tätigkeiten auch irreguläre Kriegsführung, Propaganda und organisatorische Aktivitäten im Sinne der Politik der Ittihad-ı Islam (Panislamismus) betrieb.

Die Grundlagen dieser Struktur wurden durch die Aktivitäten Enver Paschas in Libyen gelegt. Während des Ersten Weltkriegs wurde sie nacheinander von zwei bedeutenden Patrioten geführt: Süleyman Askeri und Ali Başhamba. Süleyman Askeri Bey war, wie sein Name bereits andeutet, ein Mann mit militärischem Hintergrund. Ali Başhamba hingegen war ein ziviler Intellektueller. Dass die Leitung der Teşkilat-ı Mahsusa über einen vergleichsweise langen Zeitraum von Başhamba wahrgenommen wurde, stellt ein wichtiges Indiz dafür dar, dass auch der intellektuelle Geist eine zentrale Rolle in der osmanischen Sicherheitspolitik übernehmen konnte.

Ali Başhamba war eine der faszinierendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Teşkilat-ı Mahsusa. Er wurde in Tunesien geboren. Obwohl er türkischer Herkunft war, wuchs er in einem arabischsprachigen, kulturellen und politischen Umfeld auf. Einerseits war er tief in der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit verwurzelt, andererseits absolvierte er ein Jurastudium in Paris. Im Osmanischen Reich stieg er bis zum Mitglied des Staatsrates (Şura-yı Devlet) auf und nahm einen wichtigen Platz innerhalb der hohen Bürokratie ein.

Als Intellektueller wirkte er an der Ausarbeitung institutioneller Texte wie der Familienrechtsverordnung (Hukuk-i Aile Kararnamesi) mit, die als konkretes Ergebnis der islamisch geprägten Politik der Spätphase des Osmanischen Reiches gilt. Başhamba war jedoch nicht nur Bürokrat, sondern zugleich Verleger, Jurist und politischer Intellektueller. Er veröffentlichte Beiträge in Le Tunisien, dem Organ der Jungtunesischen Bewegung, sowie in der 1911 gegründeten Zeitung el-İttihadü’l-İslam. Damit gehörte er zu den Vordenkern der Politik der Ittihad-ı Islam, die die letzten Jahre des Osmanischen Reiches entscheidend prägte.

Beruflich unterschied sich Başhamba deutlich von den glänzenden Stabsoffiziersfiguren wie Enver Bey in Libyen oder dem Präsidenten der Teşkilat-ı Mahsusa, Süleyman Askeri Bey. Er entstammte vielmehr der Welt der Ideen und der Politik. Auf den ersten Blick mag es ungewöhnlich erscheinen, einen Intellektuellen dieses Profils an die Spitze einer militärischen, nachrichtendienstlichen und politischen Organisation wie der Teşkilat-ı Mahsusa zu stellen. Dennoch erlangte die Organisation einen großen Teil ihres heutigen Bekanntheitsgrades gerade durch die unter Başhamba durchgeführten Aktivitäten. Tatsächlich schuf die von ihm über die Teşkilat-ı Mahsusa entwickelte Linie eine Erfahrung, die die gegenwärtigen antiimperialistischen Bestrebungen in der gesamten islamischen Welt beeinflusste und bis heute reproduziert.

Als İbrahim Kalın am 5. Juni 2023 per Präsidialdekret zum Leiter des türkischen Nachrichtendienstes MİT ernannt wurde, erregte diese Entscheidung naturgemäß Aufmerksamkeit. Denn Kalın entstammte weder dem Militär noch der klassischen Sicherheitsbürokratie. Bekannt war er vielmehr als Akademiker, Intellektueller, außenpolitischer Berater und Präsidialsprecher. Daher wurde seine Ernennung an die Spitze einer der wichtigsten Institutionen der nationalen Sicherheit von einigen Kreisen als „ungewöhnlich“ bezeichnet.

Abgesehen von der Amtszeit des Juraprofessors Hüseyin Avni Göktürk zwischen 1957 und 1959 waren die Leiter des MİT überwiegend Personen militärischer Herkunft oder aus den Reihen der Sicherheitsbürokratie. Entgegen weitverbreiteten Annahmen stellt jedoch ein intellektuelles Profil wie das von Kalın kein einzigartiges Beispiel dar. Seine Ernennung erinnert vielmehr an das zivil-intellektuelle Sicherheitsverständnis, das Ali Başhamba innerhalb der Teşkilat-ı Mahsusa verkörperte.

Ali Başhamba ist inzwischen eine historische Persönlichkeit. Über seine Aktivitäten wissen wir heute deutlich mehr, weshalb es vergleichsweise leicht ist, ein Urteil über ihn zu fällen. Er war ein muslimischer Intellektueller, Jurist und Sicherheitsbeamter, der sich der Politik der Ittihad-ı Islam verschrieben hatte. Im Fall von İbrahim Kalın wird man aufgrund der Natur seines Amtes freilich noch einige Jahrzehnte abwarten müssen, um eine angemessene historische Bewertung vornehmen zu können.

Bemerkenswert ist jedoch, dass insbesondere einige westliche Medien und Autoren Kalın in ihrer Kritik unbewusst in die Nähe von Ali Başhamba rücken. So beschreibt der islamkritische und stark laizistisch geprägte Autor Kamel Bencheikh Kalın in einem 2025 veröffentlichten Artikel als einen Intellektuellen und hohen Beamten mit islamistischer Agenda. Doch nicht nur der algerisch-französische Autor Bencheikh vertritt diese Sichtweise. Auch türkische Autoren wie Aydın Selcen und Murat Yetkin interpretieren Kalın – wenn auch in unterschiedlichen Tonlagen – als einen islamistischen Intellektuellen.

Selcen schreibt, dass man sich Kalın nach dessen Rede anlässlich des 97. Jahrestages der Gründung des MİT beinahe als einen Religionsgelehrten vorstellen könne, der „in einem strahlend weißen Gewand in einer Moschee oder unter den Dattelpalmen einer Oase im Nahen Osten auf einer Matte im Schneidersitz sitzt und sich in ein Gespräch vertieft“. Für Kenner der Geschichte der Teşkilat-ı Mahsusa ist dieses Bild keineswegs so fernliegend, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Auch Süleyman Askeri, Mehmet Akif oder Ali Başhamba hätten in ihrer Zeit in einem ähnlichen geistigen Umfeld verortet werden können. Die Ironie besteht darin, dass westliche und einheimische laizistische Kreise İbrahim Kalın in ihrer Kritik beinahe wie eine Figur darstellen, die direkt aus dem historischen Universum der Teşkilat-ı Mahsusa entstammt.

Die in jüngster Zeit gewachsene Präsenz des MİT in muslimisch geprägten Regionen, insbesondere in Syrien, sowie das Bild einer positiven Beziehung zwischen İbrahim Kalın und Ahmed al-Scharaa, der häufig als islamistischer Führer beschrieben wird, verstärken diese Lesart zusätzlich. Über die genaue Natur der Aktivitäten des MİT in Libyen und Syrien wissen wir heute naturgemäß nur sehr wenig. Die Arbeit von Nachrichtendiensten lässt sich erst dann angemessen beurteilen, wenn genügend Zeit vergangen ist und Dokumente zugänglich werden. Deshalb könnten unsere heutigen positiven wie negativen Einschätzungen der Aktivitäten des MİT unter Kalın in Syrien unvollständig oder irreführend sein.

Dennoch lässt sich aus heutiger Perspektive sagen, dass das von Kalın in Syrien aufgebaute Beziehungsnetzwerk historische und ideologische Assoziationen hervorruft, die weit über einen engen sicherheitspolitischen Reflex hinausgehen. Unter den syrischen Gruppierungen verkörperte insbesondere die Hay’at Tahrir al-Sham am ehesten die panislamische Linie der Teşkilat-ı Mahsusa. Dass Kalın die institutionellen Kapazitäten des MİT auf die Zusammenarbeit mit diesem Akteur ausrichtete, steht – ob man dies nun als Ergebnis realpolitischer Zwänge oder als Teil einer umfassenderen historischen Perspektive betrachtet – nicht im Widerspruch zur Erinnerung an die Ittihad-ı Islam. Vielmehr eröffnet dies einen bemerkenswerten Ansatzpunkt, die Syrienpolitik der Türkei durch die Linse dieses historischen Gedächtnisses zu betrachten.

Vor Kalın eröffnet sich somit eine bedeutsame historische Chance, eine sicherheitspolitische Perspektive zu entwickeln, die sowohl antiimperialistisch als auch auf die islamische Welt ausgerichtet ist. In einer Zeit, in der die Politik zunehmend in alltäglichen Kalkülen verflacht und politische Entscheidungen eher von kurzfristigen Gewinnen als von langfristigen nationalen Interessen bestimmt werden, bietet Kalıns persönliche und intellektuelle Prägung die Möglichkeit, einen weiterreichenden Horizont zu eröffnen.

Sollte es Kalın während seiner Amtszeit als Präsident des MİT gelingen, eine langfristig angelegte Sicherheitsstrategie aufzubauen, die das Wohl der Nation in den Mittelpunkt stellt und den regionalen Anspruch der Türkei mit institutioneller Ernsthaftigkeit verbindet, könnte er zu einer Persönlichkeit werden, die – ähnlich wie Ali Başhamba – in der islamischen Welt mit Respekt und Anerkennung in Erinnerung bleibt.

Noch wichtiger wäre jedoch, dass das Vermächtnis Kalıns nicht auf seine persönliche Karriere beschränkt bliebe, sondern eine dauerhafte Grundlage dafür schaffen könnte, die türkische Sicherheitsarchitektur in eine anspruchsvollere, intellektuellere und zugleich idealistischere Richtung zu lenken. Darin liegt die eigentliche Chance, die sich Kalın bietet. Ob er diese Gelegenheit nutzt, werden nicht die Debatten der Gegenwart, sondern allein die Zeit und die Geschichte zeigen.

 

[1] Kamel Bencheikh, „Les habits neufs de la conquête islamiste“, in: Revue Politique et Parlementaire, 22. Juli 2025, https://www.revuepolitique.fr/les-habits-neufs-de-la-conquete-islamiste/.

[2] Aydın Selcen, „Kuruluşunun 97. Yılında MİT’in Başkanı Kalın’la Hasbıhal“, in: Medyascope, 3. Februar 2024, zuletzt aktualisiert am 25. November 2025, https://medyascope.tv/2024/02/03/aydin-selcen-yazdi-kurulusunun-97-yilinda-mitin-baskani-kalinla-hasbihal/.

[3] Murat Yetkin, „İbrahim Kalın’ın Başkanlığında MİT’te İnce Ayar Dönemi“, in: Yetkin Report, 12. Juni 2023, https://yetkinreport.com/2023/06/12/ibrahim-kalinin-baskanliginda-mitte-ince-ayar-donemi/.