Über das Kino mit Ben Hania, dem Regisseur von “Die Stimme von Hind Rajab“
Der Regisseur von „Die Stimme von Hind Rajab“ darüber, wie Kino als Kraft gegen Völkermord eingesetzt werden kann
Alci Rengifo
Während Israels brutaler Angriff auf Gaza anhält und Bilder einer unerträglichen humanitären Katastrophe weltweit die Bildschirme füllen, verspürte die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania ein unwiderstehliches Bedürfnis zu handeln. In turbulenten Zeiten kann sich eine Künstlerin diesem Sog kaum entziehen. Für Ben Hania, eine Filmemacherin aus dem Nahen Osten, hatte die Tragödie in Gaza eine zutiefst persönliche Nähe. Aus diesem Grauen heraus fand vor allem eine Geschichte weltweit Widerhall: die Tonaufnahme der fünfjährigen Hind Rajab, die den Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS – Palestine Red Crescent Society) um Hilfe anrief, bevor ihre Familie durch israelisches Feuer getötet wurde. Über Stunden hinweg konnten die Rettungskräfte nichts anderes tun, als Hind zu beruhigen – aus der Ferne waren Schüsse und das Dröhnen von Panzern zu hören. Alle Bemühungen, dieses kleine Kind zu retten, das schließlich durch die Kugeln der Besatzer getötet wurde, blieben erfolglos.
In ihrem erschütternden Drama „Die Stimme von Hind Rajab“ (The Voice of Hind Rajab) verwendet Ben Hania die realen Tonaufnahmen dieser qualvollen Telefongespräche. Der Film spielt in den Büros der PRCS im von Israel besetzten Westjordanland. Als der freiwillige Helfer Omar (Mataz Malhees) den ersten Notruf entgegennimmt, wird er von einem Moment blanken Entsetzens erfasst. Auch Kolleginnen wie Rana (Saja Kilani) begreifen sofort, dass Hind, die am Telefon ihre blutüberströmten Angehörigen beschreibt, dringend Hilfe braucht. Doch die Rettungskräfte sind in eine frustrierende Struktur gezwungen: Sie müssen festgelegte Routen einhalten, und ihre Anweisungen müssen über komplexe Vermittler genehmigt werden, die mit der plündernden israelischen Armee verbunden sind. So wird der Film zu einem künstlerischen Dokument eines Zeitabschnitts, das die gesamte Grausamkeit eines der brutalsten Konflikte der letzten Jahre konkret erfahrbar macht.
Die Kraft von Hinds Geschichte blieb führenden Persönlichkeiten der Filmbranche nicht verborgen – darunter Joaquin Phoenix, Rooney Mara, Jonathan Glazer und Alfonso Cuarón. Sie beteiligten sich als Produzenten, um den Vertrieb von „Die Stimme von Hind Rajab“ zu unterstützen. Der Film gewann den Großen Preis der Jury bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wurde für den Golden Globe als Bester fremdsprachiger Film nominiert und schaffte es bei den Oscars in die Shortlist für den Besten internationalen Film. Ich hatte die Gelegenheit, mit Ben Hania über den Entstehungsprozess dieses lebenswichtigen Dokuments zu sprechen.
Sie haben diesen Film gedreht, während der Krieg in Gaza in voller Härte weiterging und weltweit tiefe Spaltungen verursachte. Woher nahmen Sie den Mut, Hinds Geschichte zu erzählen?
Eigentlich war genau das der Grund, warum wir diesen Film so schnell gemacht haben. Einen Film zu drehen ist niemals ein schneller Prozess, aber was würde es bedeuten, auf das Ende dieses Krieges zu warten? Wenn wir an ein Ende denken, kommen uns Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht in den Sinn. Doch das wird nicht geschehen. Die Palästinenser erleben diese Situation seit sehr langer Zeit, und es gibt weder Gerechtigkeit noch Verantwortlichkeit. Einen Film zu machen war deshalb eine Form des Zeugnisablegens. Als Filmemacherin wünsche ich mir, dass dieser Film Teil einer Veränderung sein kann – ein Instrument des Wandels.
Als ich Hinds Stimme zum ersten Mal hörte, fragte ich mich: „Was kann ich tun?“ Ich mache Filme, natürlich. Deshalb war mein erster Schritt, ihre Mutter anzurufen und um Erlaubnis zu bitten. Eines der ersten Dinge, die sie mir sagte, hatte mit Gerechtigkeit zu tun. Sie wollte Gerechtigkeit für ihre Tochter und sagte, dass dieser Film dazu beitragen könne. Als ich Hinds Stimme hörte, wurde das für mich zu einer Obsession. Ich hörte auf, an andere Projekte zu denken. Es war keine Frage von Mut, sondern eine Notwendigkeit, nicht zur Komplizin zu werden.
Hatten Sie von Anfang an geplant, die echten Tonaufnahmen von Hind Rajab zu verwenden?
Ja. Manchmal hinterfragt man seine ersten Entscheidungen, aber wenn sie ihre Gültigkeit behalten, bleibt man bei ihnen. Meine erste Begegnung mit Hind war über das Internet, und alles war in diesen Aufnahmen enthalten – jedes Gespräch, jeder Moment. Doch die Menschen hörten diese Aufnahmen nicht wirklich, weil sie ihnen im Internet nur zufällig begegneten, während sie weiter scrollten. Online entfalten sie nicht dieselbe Wirkung. Genau deshalb ist Kino wichtig. Es ist immer noch ein Raum, in dem man den Menschen sagen kann: „Haltet inne und hört dieser Stimme zu.“
Dieser Film beginnt mit dem Ton. Der Ton war das Rückgrat des Films. In diesen Stimmen stecken Bilder. Auch wenn der Film nur an einem einzigen Ort spielt, existieren durch den Ton zwei unterschiedliche Räume.
Die Ereignisse bleiben auf die Büros des Roten Halbmonds beschränkt, wo die Helfer verzweifelt versuchen, etwas zu tun. Obwohl der Film in ständiger Bewegung ist, bedeutet das meist eine äußerst präzise Vorbereitung. Wie haben Sie mit diesem großartigen Ensemble gearbeitet, um eine Echtzeit-Realität (real time realism) zu erreichen?
Wir haben ein gewisses Maß an Vorbereitung betrieben, aber ich kann sagen: In diesem Film haben die Schauspieler eigentlich nicht gespielt. Ihre Reaktionen auf Hinds Stimme waren vollkommen real und aufrichtig. Das Erste, was ich tat, war, sie mit den realen Personen zusammenzubringen, die sie verkörpern – mit den Mitarbeitern des Roten Halbmonds, die all ihre Erfahrungen und Frustrationen mit mir geteilt haben.
Außerdem mussten die Schauspieler ihre Dialoge wortwörtlich auswendig lernen, weil sie die Sätze, die Hind im wirklichen Leben gesagt worden waren, exakt wiedergeben mussten. Wir haben den Film fast wie einen Dokumentarfilm gedreht. Manchmal musste ich innehalten und sie als Regisseurin ganz klassisch bitten, in bestimmten Szenen die Emotionen etwas zurückzunehmen. Denn es war offensichtlich, dass die Aufnahmen sie zutiefst berührten – das war kein Schauspiel (it is not performing).
Haben Sie im Hinblick auf die visuelle Sprache des Films die Einstellungen vorab mit Storyboards geplant, um diesen dokumentarischen Ton zu erreichen?
Nein. Ich hatte das Glück, mit dem großartigen kolumbianischen Kameramann Juan Sarmiento zu arbeiten – er ist wirklich außergewöhnlich talentiert. Wir haben begonnen, über die Dreharbeiten nachzudenken. Aber sobald man anfängt zu sprechen, bleibt alles Theorie. Wenn man dann tatsächlich dreht, entsteht eine völlig andere Situation.
Juan Sarmiento ist hervorragend in der Arbeit mit der Handkamera. Anfangs dachten wir, wir würden vielleicht Steadicam oder ähnliche Ausrüstung brauchen. Doch als er zu drehen begann, wurde er förmlich zu einer der Figuren. Er ist äußerst begabt darin, mit den Schauspielern zu verschmelzen. Er besitzt eine außergewöhnliche Sensibilität.
Es ist bemerkenswert, dass der Film Unterstützung von führenden Persönlichkeiten der Branche wie Joaquin Phoenix und Alfonso Cuarón erhalten hat. Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie es dazu kam?
Als mein Produzent und ich den Schnitt abgeschlossen hatten, dachten wir, dass wir diesen Film sehr gezielt herausbringen müssten. Es ist ein untertitelter, kleiner, unabhängiger Film. Natürlich lieben Festivals solche Filme, aber ohne große Stars ist es schwierig, ein breites Publikum zu erreichen. Deshalb brauchten wir einige große Namen, die den Film unterstützen würden.
Wir kennen viele Menschen in der Branche, deshalb haben wir all jene kontaktiert, deren Namen man nun im Abspann sieht. Unsere Hoffnung war, dass wenigstens eine Person sagen würde: „Ja, ich werde diesen Film unterstützen.“ Doch als sie den Film sahen, waren sie alle tief bewegt. Plötzlich fanden wir uns mit diesem unglaublichen Abspann wieder. Sie alle wollten den Film unterstützen.
Was macht es Ihrer Meinung nach als Künstlerin so schwer, in westlichen Gesellschaften über Gaza zu sprechen?
Wir müssen über die Darstellung des „Anderen“ im Kino sprechen – insbesondere darüber, wie Araber und Muslime dargestellt werden. Diese Gruppen, und vor allem die Palästinenser, werden nicht positiv repräsentiert. Wir wollen ihre Geschichten nicht hören, weil es vor 70 Jahren in Europa den Holocaust gab und Europa beschlossen hat, den Preis für sein Schuldgefühl in Palästina zu zahlen. Damals stand Palästina unter britischem Mandat. Die Briten gaben den Israelis etwas, das ihnen nicht gehörte.
Im Westen gibt es ein tiefes Schuldgefühl, das schwer auszusprechen ist. Die ersten Zionisten in Palästina verwendeten den Slogan „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“. Im Westen wollte man glauben, dass es die Palästinenser nicht gibt. Wenn solche Geschichten ihre Existenz bestätigen, wecken sie alte Dämonen.
Es ist schwer, die Zukunft vorherzusagen, aber wir wissen, was mit diesem Film gerade geschieht. „Die Stimme von Hind Rajab“ wurde für den Golden Globe nominiert und steht auf der Shortlist für den Oscar in der Kategorie Bester internationaler Spielfilm. Wie bewerten Sie diesen Prozess, und was können wir als Nächstes von Ihnen erwarten?
Ein Film dieser Art braucht Meilensteine wie den Golden Globe, weil er nur so ein Publikum erreichen kann, das über die ohnehin Sensibilisierten hinausgeht. Vor allem in den USA wünsche ich mir, dass dieser Film ein möglichst breites Publikum erreicht – was keineswegs einfach ist und mit großen Hürden verbunden ist.
Bevor ich mit diesem Film begann, stand ich kurz davor, in die Vorproduktion eines Drehbuchs einzusteigen, an dem ich seit Jahren gearbeitet hatte. Doch als ich Hinds Stimme hörte, ließ ich alles stehen und liegen. Denn meiner Ansicht nach kann man keine Geschichten über „die Schönheit der Kunst“ erzählen, während ein Völkermord stattfindet. Nachdem ich „Die Stimme von Hind Rajab“ abgeschlossen hatte, kehrte ich zu diesem Projekt zurück und drehte den Film. Die Dreharbeiten sind beendet, und nun werde ich mit dem Schnitt beginnen. Das wird mein nächster Langfilm sein.
*Alci Rengifo ist ein in Los Angeles lebender freier Filmkritiker und Autor. Seine Kurzfilme wurden auf Festivals in Kuba, Europa und Afrika gezeigt. Derzeit arbeitet er an einem Filmprojekt über das Leben des salvadorianischen Dichters Roque Dalton.