Proteste im Iran und die Politik der Türkei
Die seit 2017 in unregelmäßigen Abständen aufflammenden Protestwellen im Iran werden jedes Mal von einer ähnlichen Erzählung in die globale Öffentlichkeit getragen. Westliche Medien und zahlreiche Thinktanks rahmen die Proteste in verschiedenen Regionen Irans regelmäßig mit der Behauptung: „Diesmal fällt das Regime.“ Die vergangenen Jahre liefern jedoch ausreichend empirisches Material, um zu verstehen, warum diese These immer wiederholt wird – und warum sie ebenso regelmäßig ins Leere läuft. Die gegenwärtigen Spannungen und die Tatsache, dass Teile der Bevölkerung auf die Straße gehen, stellen zweifellos eine bedeutsame Entwicklung dar; sie können jedoch nicht automatisch als Vorboten eines spontanen revolutionären Bruchs verstanden werden. Entscheidend ist daher nicht, die Existenz der Proteste zu leugnen, sondern sie korrekt einzuordnen – im Kontext staatlicher Kapazitäten Irans, der Beschaffenheit des gesellschaftlichen Gefüges und der regionalen geopolitischen Rahmenbedingungen.
Strukturelle Ursachen der Proteste und die Illusion der „permanenten Revolution“
Der wiederkehrende Charakter der Proteste im Iran spiegelt die Persistenz tiefgreifender sozioökonomischer Probleme wider. Hohe Inflation, ein dramatischer Verlust an Kaufkraft, Wahrnehmungen weitverbreiteter Korruption, schwindende Zukunftserwartungen der jungen Bevölkerung sowie Einschränkungen im Bereich des Lebensstils erzeugen in breiten Gesellschaftsschichten reale Unzufriedenheit. Diese Probleme sind weder zu verharmlosen noch als bloße „Regimepropaganda“ abzutun. Die entscheidende analytische Trennlinie verläuft jedoch zwischen gesellschaftlicher Unzufriedenheit und revolutionärer politischer Handlungsfähigkeit. In westlich geprägten Analysen werden Revolutionsnarrative häufig mechanisch auf den iranischen Kontext übertragen. Zwar sind Elemente wie wirtschaftliche Krisen, Entfremdung von Eliten, Fragmentierung der Opposition und internationale Isolation teilweise vorhanden, doch ihre Existenz bedeutet keineswegs automatisch den Zusammenbruch des Regimes. Bislang haben die Proteste weder eine organisatorische Kontinuität noch eine Führung oder innerstaatliche Auflösungsprozesse hervorgebracht, die geeignet wären, die zentrale Macht zu paralysieren. Besonders bedeutsam ist dabei die Tatsache, dass ein sehr großer Teil der iranischen Gesellschaft nicht aktiv an den Protesten teilnimmt. Dies ist keine moralische Bewertung, sondern eine soziologische Beobachtung, die durch Feldforschung und Experteneinschätzungen gestützt wird. Die „stille Mehrheit“ zeigt eher ein risikovermeidendes Verhalten und bemüht sich um die Aufrechterhaltung des Alltagslebens, anstatt sich auf ein revolutionäres Projekt einzulassen. Die Erzählung „Alle sind auf der Straße“ ist somit vor allem eine Illusion digitaler Echokammern.
Staatliche Kapazität, Sicherheitsapparat und Zentrum–Peripherie-Beziehungen
Einer der häufigsten Fehler in der Analyse Irans besteht darin, den Staat als institutionell schwach und leicht von der Peripherie her unterwanderbar zu betrachten. Tatsächlich verfügt Iran über eine vielschichtige politische Struktur, in der Macht nicht ausschließlich in den obersten Institutionen Teherans konzentriert ist, sondern durch fein verzweigte administrative, ideologische und halbformelle Netzwerke bis auf die Ebene von Stadtvierteln und Provinzen verteilt wird. Diese Struktur macht Iran ungeeignet für ein Szenario nach dem Muster Syriens, bei dem ein „Vormarsch von der Peripherie ins Zentrum“ möglich war. Die zentrale Autorität stützt sich nicht allein auf militärische Gewalt, sondern auch auf dezentralisierte Kontrollmechanismen. Innerhalb des Sicherheitsapparates – insbesondere der Revolutionsgarden und ihrer angeschlossenen Strukturen – ist es bislang zu keiner hochrangigen Spaltung gekommen, die das Regime ernsthaft erschüttert hätte. Dadurch bleiben die Proteste für das System eine beherrschbare Bedrohung.
Ein weiterer Aspekt staatlicher Kapazität ist die ideologische Flexibilität. Obwohl das Regime Teile seiner Gründungsideologie erodiert hat, bewahrt es eine pragmatische Anpassungsfähigkeit. Viele Praktiken, die von außen als Zeichen des Verfalls interpretiert werden, fungieren intern als Mechanismen zur Sicherung der Systemkontinuität. Ein ideologischer Bedeutungsverlust bedeutet daher nicht zwangsläufig Auflösung, sondern kann im Gegenteil auf einen gestärkten Überlebensinstinkt hinweisen.
Das Szenario externer Intervention
Bei jeder neuen Protestwelle wird externe Intervention häufig als potenzieller „Game Changer“ präsentiert. Militärische Schritte der USA oder gezielte Aktionen Israels könnten zwar theoretisch interne Spannungen verschärfen; die Folgen solcher Szenarien werden jedoch meist bewusst verkürzt diskutiert. In der Realität würde eine solche Intervention weniger zu einem „kontrollierten Regimewechsel“ führen als vielmehr zu einer großflächigen und langfristigen Destabilisierung. In einem großen, heterogenen und geopolitisch zentralen Land wie Iran könnte eine Schwächung der zentralen Autorität rasch ethnische, konfessionelle und regionale Bruchlinien aktivieren. Entstehende Parallelstrukturen hätten das Potenzial, nicht nur Iran, sondern den gesamten Nahen Osten in eine schwere Sicherheitskrise zu stürzen. In einem solchen Kontext würde der Regimewechsel selbst zu einer nachgeordneten Frage werden. Externe Intervention erscheint daher weniger als ein befreiender Faktor denn als ein Element weiterer Fragilisierung der Region.
Vor diesem Hintergrund ist die Haltung der Türkei besonders aufschlussreich. Die Einschätzungen von Hakan Fidan vermeiden sowohl eine Romantisierung der Proteste als auch eine Befürwortung externer Eingriffe. Diese Position speist sich nicht aus ideologischer Nähe, sondern aus strategischer Rationalität. Ein unkontrollierter Zerfall Irans könnte für die Türkei erhebliche Kosten verursachen – von Migrationsdruck über Grenzsicherheit bis hin zu Energieversorgung und regionalen Handelsrouten.
Die türkische Politik verbindet das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten Irans mit dem Streben nach regionaler Stabilität. Ankara ist weder Verteidiger des iranischen Regimes noch Teil externer Regimewechsel-Agenden. Maßgeblich ist nicht die Frage „Was wünschen wir uns?“, sondern „Was ist am wahrscheinlichsten und zugleich am wenigsten zerstörerisch?“.
Schlussfolgerung
Die Spannungen im Iran sind weder zu leugnen noch durch Übertreibungen zu erklären. Die Proteste machen die strukturellen Probleme des Regimes sichtbar, führen jedoch kurzfristig nicht zu einem revolutionären Bruch. Staatliche Kapazität, die Integrität des Sicherheitsapparats und die risikovermeidende Haltung großer Teile der Gesellschaft sichern die Widerstandsfähigkeit des Systems. Externe Intervention könnte das Regime zwar theoretisch erschüttern, würde in der Praxis jedoch den gesamten Nahen Osten destabilisieren. Gerade deshalb beruht der Ansatz der Türkei nicht auf Wunschdenken, sondern auf Wahrscheinlichkeitsabwägungen. Diese Linie zeigt, dass in der Iran-Frage Nüchternheit, akademische Disziplin und strategische Vernunft weiterhin möglich sind.