Nach der Besetzung Gazas: Eine kontrollierte Krise, aufgeschobene Gerechtigkeit
Die nach der Besatzung und dem Völkermord in Gaza diskutierten Pläne für eine „zweite Phase” erinnern eher an Verwaltungsengineering als an Frieden. In diesen Diskussionen, die über einen Waffenstillstand nicht hinausgehen, werden die Palästinenser nicht als politisches Subjekt, sondern als ein humanitäres Problem behandelt, das kontrolliert werden muss. Die Agenda, die nach Gaza entstanden ist, diskutiert eher, wie die Palästinenser verwaltet werden sollen, als ihre Forderungen.
Der Sonderbeauftragte der USA, Steve Witkoff, gab den Beginn der „zweiten Phase” des Waffenstillstandsprozesses bekannt. In den Erklärungen wurde ein 20-Punkte-Plan erwähnt, wobei die Themen Entwaffnung, technokratische Verwaltung und Wiederaufbau im Vordergrund standen. Dieser Schritt steht jedoch nicht nur in engem Zusammenhang mit den Entwicklungen vor Ort, sondern auch mit den innenpolitischen Gleichgewichten in Washington. Die Trump-Regierung zielt darauf ab, den Druck, den die Besetzung des Gazastreifens auf die amerikanische Innenpolitik ausübt, zu verringern und die zunehmende Kritik im Kongress und in der Öffentlichkeit in einen kontrollierbaren Rahmen zu bringen. Daher geht es bei diesem Prozess weniger um eine umfassende Friedensvision als vielmehr darum, die Krise unter Kontrolle zu halten und die politischen Kosten zu senken.
Dieser Ansatz entzieht der Palästinafrage ihren Charakter als Frage von Recht und Gerechtigkeit und verwandelt sie in ein Sicherheitsproblem, das technisch „gesteuert” werden muss. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr das Problem selbst, sondern die Kosten und Risiken, die es verursacht. So wird Frieden zu einem Ziel, das nicht an der Herstellung von Gerechtigkeit, sondern an der Kontrolle von Instabilität gemessen wird. Dies ist ein Ansatz, der den Begriff Frieden seiner Bedeutung beraubt.
Konflikt der Erwartungen: Strukturelle Spannungen jenseits des Waffenstillstands
Tatsächlich handelt es sich bei der zweiten Phase nicht um einen rein technischen und sicherheitsorientierten Verhandlungsprozess, sondern um einen Bereich, in dem die unterschiedlichen Erwartungen der Parteien aufeinanderprallen. Für die USA und Israel stehen eine kontrollierbare Stabilität in Gaza und die langfristige Sicherheit Israels im Vordergrund. Demgegenüber sind die Palästinenser und die Länder der Region der Ansicht, dass kein Szenario, das nicht mit einer politischen Perspektive verbunden ist, zu einer dauerhaften Lösung führen kann. Dieses Bild erklärt auch, warum der Prozess nur schwer vorankommt. Die Position der USA ähnelt oft eher der eines Verwalters, der entscheidet, innerhalb welcher Grenzen der Konflikt gehalten werden soll, als der eines Vermittlers, der zwischen den Parteien für Ausgewogenheit sorgt. Genau das war die Haltung während der Besetzung des Gazastreifens.
Die Erwartungen der Palästinenser lassen sich in drei Hauptpunkte zusammenfassen. Der erste Punkt ist die Frage der Souveränität. Wenn eine nach dem Krieg in Gaza geschaffene Ordnung den Palästinensern kein echtes politisches Verfügungsrecht über ihr eigenes Land einräumt, bedeutet dies, dass der Waffenstillstand lediglich zu einem neuen Kontrollmechanismus wird. Internationale Vormundschaft oder von externen Akteuren festgelegte Modelle einer Übergangsregierung erinnern die Palästinenser eher an Kontrolle als an Souveränität.
Der zweite Punkt ist die Frage der Vertretung. Dieser Punkt steht im Mittelpunkt ihrer Erwartungen. Wenn palästinensische Akteure in den Planungen für die Zukunft Gazas nicht legitim und umfassend vertreten sind, unabhängig davon, unter welcher Struktur, besteht die Gefahr, dass die palästinensische Politik noch weiter fragmentiert wird. In diesem Zusammenhang geht es für die Palästinenser nicht nur darum, wie die neue Ordnung aussehen wird, sondern auch darum, in wessen Namen und auf welcher legitimen Grundlage diese Ordnung errichtet wird.
Der dritte und ergänzende Faktor ist die Sicherheit. Für die Palästinenser bedeutet Sicherheit nicht nur das Ende der bewaffneten Konflikte. Sicherheit wird auch mit dem Schutz des zivilen Lebens, dem Ende der anhaltenden militärischen Unterdrückung und der Beendigung kollektiver Bestrafungsmaßnahmen in Verbindung gebracht. Jedes Modell, in dem Sicherheit nur aus israelischer Sicht definiert wird, bedeutet für die Palästinenser keine dauerhafte Stabilität.
Die von uns genannten Erwartungen decken sich auch mit der Haltung der Länder in der Region. Während Ägypten und Katar der Fortsetzung des Waffenstillstands und der Aufrechterhaltung der humanitären Hilfe Vorrang einräumen, ist Jordanien besorgt über die Auswirkungen einer vollständigen Ausklammerung der politischen Dimension der Palästinafrage auf sein inneres Gleichgewicht. Die Türkei betont, dass die Regelungen in Bezug auf Gaza nicht zu einer Struktur führen dürfen, die die Palästinenser aus dem Mittelpunkt verdrängt und zu dauerhafter Unsicherheit führt.
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der politischen Zukunft der Hamas als einer der kritischsten und ungewissesten Punkte des Prozesses. Während für die USA und Israel die Zerschlagung der militärischen Kapazitäten der Hamas Priorität hat, würde eine vollständige Ausgrenzung der Hamas aus dem politischen Bereich das Problem der Vertretung der Palästinenser noch verschärfen. Die Unterscheidung zwischen der Entwaffnung der Hamas als bewaffneter Akteur und der vollständigen Missachtung des politischen Willens eines bestimmten Teils der palästinensischen Gesellschaft ist einer der heikelsten Punkte in den Diskussionen über die „zweite Phase”.
Palästina und Gaza: Unsicherheit jenseits des Waffenstillstands
Aus Sicht der Palästinenser ist das auffälligste Ergebnis der zweiten Phase, dass die Palästina-Frage erneut aus dem politischen Bereich herausgenommen und in einen engen Rahmen aus „Sicherheit” und „humanitärer Krise” gezwängt wird. Die Dauerhaftigkeit des Waffenstillstands ist natürlich von entscheidender Bedeutung. Solange der Waffenstillstand jedoch nicht den grundlegenden politischen Forderungen der Palästinenser gerecht wird, wird er nicht mehr als eine vorübergehende Pause sein, die den Konflikt einfriert. Die derzeitigen Diskussionen deuten darauf hin, dass das Recht der Palästinenser, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, weiter eingeschränkt werden wird.
Internationale Vormundschaft, technokratische Regierungen und Sicherheitsmodelle, die von externen Akteuren bestimmt werden, machen Gaza de facto zu einem „verwalteten Gebiet”. Dies bedeutet, dass die Forderung nach Selbstbestimmung, die den Kern der Palästinafrage bildet, vollständig in den Hintergrund gedrängt wird. Noch wichtiger ist, dass dies die Gefahr birt, die palästinensische Politik zu fragmentieren und zu schwächen. Selbst eine begrenzte Rückkehr der Palästinensischen Autonomiebehörde nach Gaza könnte eher eine symbolische Rolle als echte Souveränität bedeuten. Dieses Szenario verstärkt für die Palästinenser eher die Wahrscheinlichkeit einer lang anhaltenden Unsicherheit und eines politischen Vakuums als die Aussicht auf Frieden.
In diesem Zusammenhang steht auch das oft erwähnte Szenario der „Rückkehr der Palästinensischen Autonomiebehörde nach Gaza” vor einem ernsthaften Legitimitätsproblem. Es ist unrealistisch, dass die Palästinensische Autonomiebehörde, die seit langem keine Wahlen mehr abgehalten hat, deren gesellschaftliche Repräsentativität stark geschwächt ist und die selbst im Westjordanland nur begrenzten politischen Einfluss hat, in Gaza eine dauerhafte und inklusive Ordnung etablieren kann. Diese Situation verstärkt die Befürchtungen, dass die Zukunft Gazas nicht im Namen der Palästinenser, sondern über die Palästinenser hinweg gestaltet wird.
An dieser Stelle ist es sinnvoll, den grundlegenden Unterschied zwischen der Herangehensweise der USA und Israels an diesen Prozess zu erwähnen. Aus Sicht der USA ist das Ziel weniger ein umfassender Frieden als vielmehr ein Umfeld der Instabilität, das verhindert, dass der Konflikt zu einem regionalen Krieg eskaliert, und das auf einem beherrschbaren Niveau gehalten wird. Für Israel hingegen besteht das Hauptziel darin, auch auf Kosten kurzfristiger und mittelfristiger diplomatischer Kosten ein absolutes Sicherheitsverständnis zu etablieren und jede Art von Regelung zu vermeiden, die die militärische Bewegungsfreiheit einschränken würde. Diese unterschiedlichen Prioritäten erklären auch, warum es so schwierig ist, den Waffenstillstand in eine politische Lösung umzuwandeln.
Die Tatsache, dass die Palästinenser nicht direkt an den Verhandlungen beteiligt sind, lässt vermuten, dass die palästinensische Gesellschaft nicht als politischer Akteur, sondern als ein humanitäres Problem betrachtet wird, das gelöst werden muss. Dieser Ansatz trennt die Palästina-Frage von Debatten über Rechte, Vertretung und Souveränität und reduziert sie auf einen begrenzten Rahmen, der sich auf humanitäre Hilfe und Sicherheitsvorkehrungen beschränkt. Daher zielen die Gespräche darauf ab, den Konflikt einzufrieren, während die politischen Forderungen der Palästinenser bewusst ausgeklammert werden. Ein System, in dem die Palästinenser als politisches Subjekt ignoriert werden, kann langfristig keine Stabilität schaffen, sondern nur ein fragiles Gleichgewicht, das neue Spannungen aufschiebt.
Keine neue Ordnung, sondern neue Unsicherheit oder dauerhaftes Krisenmanagement
Die USA schränken ihr militärisches Engagement in der Region ein, positionieren Israel jedoch weiterhin als Garant für die regionale Sicherheit. Das Duo Trump-Netanjahu konzentriert sich eher darauf, wie die bestehenden Krisen „bewältigt” werden können, als darauf, eine neue Friedensarchitektur im Nahen Osten aufzubauen. Diese Entscheidung deutet eher auf ein kostengünstiges, aber dauerhaftes Krisenmanagement als auf regionalen Frieden hin. Die arabische und islamische Welt hingegen zeigt sich in diesem Prozess weitgehend passiv, gespalten und wirkungslos. Diese Stille ist nicht nur ein Zeichen der Schwäche, sondern auch ein Hinweis darauf, dass die Palästinafrage bewusst von der Liste der regionalen Prioritäten gestrichen und dieser Rückgang sogar akzeptiert wurde.
Das sich abzeichnende Bild steht auch in engem Zusammenhang mit den Normalisierungsprozessen in der Region. Insbesondere die Haltung von Akteuren wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jordanien und Ägypten, die die Palästinafrage zu einem zweitrangigen Thema machen, ermöglicht es Israel, in der Zeit nach Gaza mit weniger diplomatischem Druck zu agieren. Die zersplitterte und zurückhaltende Haltung der arabischen Welt zeigt, dass die Palästinafrage als regionale Priorität an Bedeutung verloren hat. Es beginnt eine Phase, in der offene Konflikte durch weniger intensive, aber anhaltende Spannungen ersetzt werden. Offene Konflikte können durch weniger intensive Spannungen, Stellvertreterkriege und kontrollierbare Krisen ersetzt werden.
Die derzeit diskutierten Pläne führen eher zu einer neuen Phase der Unsicherheit in der Region als zu einem dauerhaften Frieden in Gaza. Denn diese Pläne drängen die politischen Rechte der Palästinenser weiter in den Hintergrund, unterstellen Gaza durch eine technokratische Verwaltung der internationalen Kontrolle und beschränken den Handlungsspielraum der Palästinenser erheblich. Diese Situation könnte den Ländern der Region neuen Handlungsspielraum bieten, um ihr diplomatisches und moralisches Gewicht einzusetzen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sich in dieser Frage ein Wille entwickelt, gering erscheint, sollte dies dennoch betont werden.
Auch wenn die derzeitige Situation unvermeidlich erscheint, kann man nicht sagen, dass es keine Alternative zu diesem Prozess gibt. Eine Rückkehr der Palästinafrage auf die politische Bühne ist nur möglich, wenn die Länder der Region einen gemeinsamen diplomatischen Willen entwickeln, der über humanitäre Hilfe und Sicherheitsfragen hinausgeht. Andernfalls wird Gaza ein Gebiet bleiben, in dem nicht der Konflikt, sondern die Ungewissheit dauerhaft ist.
Tatsächlich wird dieses negative Bild durch die verdeckten Beziehungen und Interessenkonflikte einiger Führungskräfte in der Region mit den USA und Israel noch verstärkt. Diese Beziehungen führen dazu, dass die Rechte Palästinas in den Hintergrund gedrängt und sein Recht auf politische Souveränität weiter ausgehöhlt werden. Letztendlich ist es offensichtlich, dass die Zukunft des Nahen Ostens nach wie vor weniger von den Menschen in der Region als vielmehr von den Sicherheitsinteressen globaler und regionaler Mächte bestimmt wird. An diesem Punkt geht es nicht mehr nur um diplomatische Präferenzen, sondern darum, ob eine klare moralische Grenze überschritten wurde oder nicht. Solange dieser Ansatz fortgesetzt wird, werden dauerhafter Frieden und ein freies Palästina eher ein ständig aufgeschobenes Versprechen als ein erreichbares Ziel bleiben.