Können diejenigen, die dem Kapitalismus nichts entgegensetzen, das Unrecht in Gaza stoppen?

Das Unrecht und den Völkermord in Gaza lediglich als einen Konflikt zwischen einer Gruppe ethno-nationalistischer zionistischer Juden und der Hamas zu betrachten oder ihn als Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Juden zu lesen, bedeutet sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft falsch zu deuten. Tatsächlich ist die Angelegenheit Teil der Strategie des Neoliberalismus – der aktualisierten Form des Kapitalismus –, unter jenen, die ihm die Stirn bieten, gezielt die Schwächsten auszuwählen und alle Konkurrenten Schritt für Schritt entweder zu vereinnahmen und aufzulösen oder zu vernichten. Gaza ist einem kollektiven Völkermord ausgesetzt, weil es jede Form von Frieden und Kompromiss mit der neoliberalen Welt zurückweist. Ähnlich wie das, was Muhammad Mursi in Ägypten widerfahren ist. Ein vergleichbares Beispiel lässt sich sogar im Venezuela unter der Führung von Nicolás Maduro beobachten. Die kapitalistische Marktlogik der neoliberalen Welt materialisiert die darwinistische Ökonomie am Beispiel Gazas in einer Weise, die uns geradezu vor Augen geführt wird. Gaza wird bestraft, weil es sich nicht mit einer Welt abfindet, in der der Starke den Schwachen einer natürlichen Selektion – sprich: Vernichtung – unterwirft, sondern von einer gerechten Welt träumt und sich den Regeln der kapitalistischen Marktlogik nicht beugt.

Daher lautet die eigentliche Frage, die alle Menschen auf der Welt beantworten müssen, die Zeugen der Geschehnisse in Gaza sind und deren Herzen darüber brennen: Ist es möglich, das Unrecht in Gaza zu stoppen, ohne sich der kapitalistischen Marktlogik zu widersetzen?

In den Texten, die ich auf der Website Kritik Bakış begonnen habe, versuche ich beharrlich, Kritik an Kapitalismus und Neoliberalismus zu üben. Ich versuche, auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, die sich wie ein heimtückisches Virus in uns ausbreitet und die kaum jemand von uns wirklich wahrnimmt. Es ist ein Virus, das mit jedem Tag unser Leben von Bildung über Gesundheit und Recht bis hin zu alltäglichen Praktiken spiralartig umschließt. Der vor den Augen der Welt stattfindende Völkermord in Gaza ereignet sich genau in diesem Kontext. Menschlich gesehen reagiert ein großer Teil der Welt immer wieder auf diese Grausamkeit; sogar einige Staaten stellen sich offen dagegen, verurteilen sie, brandmarken sie als inakzeptabel – doch keiner vermag Israel zu stoppen.

Woher also nimmt Israel die Macht, trotz der Konfrontation mit der ganzen Welt, den Palästinensern und insbesondere Gaza solches Unrecht und einen solchen Völkermord anzutun? Aus Amerika? Und woher bezieht Amerika diese Macht? Aus Waffen? Und woher beziehen Waffen ihre Macht? Aus der Wirtschaft? Und woher bezieht die Wirtschaft diese Macht? Aus dem Kapitalismus und seiner aktualisierten Form, dem Neoliberalismus? Und woher bezieht der Neoliberalismus seine Macht? Daraus, dass er die ganze Welt gezwungen hat, sich der neoliberalen Ordnung zu beugen und ihr unterzuordnen. Denn die Menschen einer Welt, die dem Neoliberalismus unterlegen ist, mögen zeitweise emotional auf Unrecht und Unterdrückung reagieren, sind jedoch als kollektive Kraft unfähig, das Unrecht tatsächlich zu verhindern. Genau dafür wurde der Neoliberalismus konstruiert. In der neoliberalen Welt, in der jeder zu einem Homo oeconomicus wird, der ausschließlich seinen eigenen Interessen nachjagt, bleibt angesichts des Bösen nichts weiter als ein moralisches Seufzen und Bedauern.

Um die Tragweite der Angelegenheit verständlich zu machen, muss ich eines besonders betonen: Zwischen den fünf ständigen Mitgliedern der Vereinten Nationen, die unterschiedlichen Paradigmen folgen, gibt es in Bezug auf ihre Bindung an den Neoliberalismus keinen grundlegenden Unterschied. Unterschiede bestehen lediglich in Methoden und Strategien. Auch zwischen politischen Rechten und Linken gibt es keinen paradigmatischen oder wesentlichen Unterschied in der Sicht auf den Neoliberalismus, sondern lediglich graduelle Abstufungen. Selbst die Frage der Religion wird im Schatten des Kapitalismus behandelt. Zwischen Judentum, Christentum, Islam und Kapitalismus wurden vielfältige Verbindungen hergestellt und Beziehungen zu ergründen versucht. Am Ende wurden sogar die Religionen vom Kapitalismus her gedacht. Offensichtlich hat der Kapitalismus keinerlei Schwierigkeiten, in jeder Religion Anhänger zu finden.

Der Kapitalismus hat in seiner neoliberalen Form die ganze Welt erfasst. Die neoliberale Welt ist ein permanentes Feld von Konkurrenz und Kampf. In diesem Feld kann alles zum Gegenstand von Verhandlungen werden, Geld kann alles kaufen, alles kann zu einer handelbaren Ware werden. Solange man sich auf den Preis einigt, ist der Rest nebensächlich. Palästina im Allgemeinen und Gaza im Besonderen sind Länder, über die die neoliberale Welt verhandelt und sich einigt. Da alles nach neoliberalen Verfahren geschieht und die ganze Welt bis ins Mark an den neoliberalen Lebensstil gebunden ist, fehlt trotz mancher humanitärer Reaktionen die Kraft, den Völkermord zu stoppen oder auch nur zu verlangsamen.

Der Weg, sich speziell dem Unrecht und dem Völkermord in Gaza und allgemein allen Ungerechtigkeiten und Formen der Ausbeutung in der Welt entgegenzustellen und ihnen Einhalt zu gebieten, führt zuallererst über ein klares Nein zur kapitalistischen Marktlogik. Menschen, die tief in kapitalistische Lebenspraktiken eingebettet sind, empfinden zwar kurzfristige Traurigkeit, wenn sie auf Bildschirmen dramatische Szenen sehen, doch mit der Zeit gewöhnen sie sich daran und verbrauchen – wie alles andere – auch ihre Gefühle und ihr Gewissen. Wenn wir jedoch die Logik verstehen, die hinter dem Völkermord in Gaza steht, können wir ihn nicht nur durch den Verschleiß unserer Gefühle und unseres Gewissens begleiten, sondern ihm tatsächlich entgegentreten. Und wenn wir diesen Kampf ernsthaft und entschlossen führen und ihn zu einer Lebensweise machen, wird es nirgendwo auf der Welt ein zweites Gaza geben.

Gaza ist nicht nur die Menschen einer Stadt in Palästina, und zionistische Juden sind nicht bloß eine Gruppe von Menschen, die in Israel leben.
In Wahrheit steht Gaza für all jene Unterdrückten dieser Welt, die unter den vielfältigen Formen von Druck, Gewalt und Ungerechtigkeit des Neoliberalismus stöhnen. Die zionistischen Juden wiederum repräsentieren die Strippenzieher dieses neoliberalen Systems. Wenn man die eigene Stadt aufmerksam betrachtet, in ihre Nebenstraßen einbiegt, die Beziehungen und Ereignisse um sich herum genau beobachtet und den Schwachen und Unterdrückten Gehör schenkt, erkennt man überall ein Gaza. Und ebenso kann man bei genauerem Hinsehen an jeder Ecke auch einen zionistischen Juden sehen. Ist es möglich, für das ferne Gaza etwas zu tun, ohne sich des Gaza direkt neben uns anzunehmen, es zu schützen und für es zu handeln? Oder bleibt unser Tun am Ende nicht doch auf ein bloßes „sanftes Bedauern“ beschränkt?

Kann ein Händler, der mit quasi religiöser Hingabe an die Marktlogik glaubt, auf seine Waren maßlose Preisaufschläge ohne reale Grundlage legt, immer reicher wird, täglich den Architekten der neoliberalen Welt Dankbarkeit erweist und sein Handeln mit Aussagen wie „Wenn es euch passt“ oder „Wer kein Geld hat, soll eben nichts kaufen“ rechtfertigt, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Hat er überhaupt das Recht, dies zu tun?
Kann ein Arbeitgeber, der seinen Beschäftigten nicht den ihnen zustehenden Lohn und angemessene Bedingungen gewährt, weil er glaubt, der Markt verlange dies, der meint, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit würden ihn ruinieren und vom Markt verdrängen, und der sagt: „Wem es nicht passt, der soll eben nicht arbeiten, Arbeitskräfte gibt es genug“, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Oder hat er dieses Recht?
Kann ein Vermieter, der weder die finanziellen Schwierigkeiten seines Mieters noch seine eigenen Möglichkeiten berücksichtigt, sondern jedes Wort des Monsters namens Markt als Befehl versteht, die Miete in einer Weise erhöht, die weder mit Gewissen noch mit Barmherzigkeit vereinbar ist, und sagt: „Wenn es dir nicht passt, zieh aus, Mieter gibt es genug“ oder „So ist eben der Markt“, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Oder hat er dieses Recht?

Kann ein Universitätsstudent, der nicht weiß, was er liest und warum er es liest, der die Hörsäle entweder zum Zeitvertreib oder allein des Geldverdienens wegen besetzt, nicht versteht, nicht hinterfragt und sich ausschließlich an Noten und Karriere orientiert, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Oder hat er dieses Recht?
Kann ein Akademiker, der sein Gehalt und seine akademische Laufbahn zum Mittelpunkt seines Lebens gemacht hat, der kein Bewusstsein dafür besitzt, was er lehrt und warum er es lehrt, und der sich nicht einmal darüber im Klaren ist, wessen westlicher Wissensfabrik er als Filiale dient, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Oder hat er dieses Recht?

Kann ein Arzt, der seine Patienten als Kunden betrachtet, sie nach ihrer wirtschaftlichen Lage unterschiedlich behandelt und im staatlichen Krankenhaus, in der Privatklinik und in der eigenen Praxis jeweils eine andere Persönlichkeit annimmt, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Oder hat er dieses Recht?
Kann ein Anwalt, der mit allen erdenklichen Mitteln versucht, den Meistbietenden im Recht erscheinen zu lassen, oder ein Richter, der – ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit, Gewissen und Kontext – lediglich das Gesetz buchstabengetreu anwendet, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Oder hat er dieses Recht?
Kann ein Charakter, der Menschen nicht um Gottes willen liebt oder um Gottes willen ablehnt, sondern oberflächliche Beziehungen und Vetternwirtschaft als Investition in zukünftige Vorteile betreibt, Freundschaft und Kameradschaft als soziales Kapital betrachtet und dieses soziale Kapital wiederum zum Werkzeug ökonomischen Kapitals macht, dem Unrecht in Gaza Einhalt gebieten? Oder hat er dieses Recht?
Gibt es in einer Gesellschaft, in der man einander mit allen möglichen Tricks täuscht und in der die Hälfte der Gesellschaft ihren Reichtum durch die Zinsen der anderen Hälfte mehrt, überhaupt die Möglichkeit, dem Unrecht in Gaza Einhalt zu gebieten? Vom eigenen Platz aus über das ferne Gaza zu trauern ist leicht – aber erscheint es uns wirklich so schwer, für das Gaza direkt neben uns den eigenen Egoismus, den Drang nach Gewinn zu überwinden und gerecht sowie redlich zu handeln?

Es gibt in der Geschichte bestimmte Wendepunkte. In solchen Zeiten gewinnen Menschen an Bedeutung und Wert durch die Entscheidungen, die sie treffen, die Haltung, die sie einnehmen, und die Ziele, für die sie handeln. Gaza ist in diesem Sinne zu einem Wendepunkt geworden, an dem Unterdrückung und Ungerechtigkeit in allen Teilen der Welt ebenso wie das alles umfassende Virus von Kapitalismus und Neoliberalismus und all jene diesseitigen Ideologien, die es stützen, auf frischer Tat ertappt worden sind. Gaza ist hier ein Symbol. Der Weg, sowohl dem Gaza in uns selbst als auch dem geografisch fernen Gaza zu helfen und dem Unrecht Einhalt zu gebieten, ist klar: der kapitalistischen Marktlogik und den neoliberalen Interessenkämpfen überall, jederzeit und in allen Bereichen entschieden entgegenzutreten. Der erste Schritt auf diesem Weg ist es, unser Verständnis von Ökonomie zu verändern. Denn die Frage der Ökonomie ist letztlich eine Frage des Glaubens.