Die syrische Politik nach der Revolution: Sicherheit, Ideologie oder Politik?
Die Syrische Revolution und die Führung Ahmed al-Sharās: Ideologische Spiegelungen der Türkei
Die Debatten über Syrien in der Türkei nach der syrischen Revolution und dem Aufstieg Ahmed al-Sharās zur Führung spiegeln weniger die Realität vor Ort wider als vielmehr die ideologischen Positionen innerhalb der Türkei selbst. Während internationale Akteure die Lage primär aus der Perspektive von Sicherheit und staatlicher Kapazität bewerten, wird die Diskussion in der Türkei größtenteils über ideologische Reflexe, eine ideologische Nähe zum Assad-Regime und innenpolitische Kalküle geführt.
Dabei stellt die nach Assad entstandene neue politische Ordnung in Syrien weit mehr dar als einen bloßen Machtwechsel. Sie ist eine vielschichtige Transformation, die zugleich die Machtbalance im Nahen Osten, die strategischen Prioritäten des Westens und die innenpolitischen Debatten der Türkei beeinflusst. Die breite internationale Akzeptanz, die al-Shara erfährt, zeigt, dass sich dieser Prozess nicht auf einer ideologischen, sondern weitgehend auf einer pragmatischen Grundlage vollzieht.
Dass die USA, Russland, die Europäische Union, Großbritannien, China sowie regionale Akteure al-Shara anerkennen, ist nicht als Vorannahme zu verstehen, die von einem demokratischen oder liberalen Charakter der von ihm vertretenen Struktur ausgeht. Im Gegenteil: Diese Anerkennung ist das Resultat der Einschätzung, dass al-Sharas Führung nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes im entstandenen Machtvakuum über das höchste Potenzial zur Herstellung staatlicher Handlungsfähigkeit verfügt.
Mit anderen Worten: Das internationale System orientiert sich weniger an ideologischer Reinheit als an der Fähigkeit, Ordnung zu erzeugen. Die entscheidende Frage lautet nicht, wer ideologisch legitim ist, sondern wer Ordnung herstellen kann. Denn in der politischen Realität des Nahen Ostens speist sich Legitimität häufig nicht aus demokratischer Repräsentation, sondern aus der Fähigkeit zur Stabilisierung. In Regionen, in denen der Staat kollabiert ist, bemisst sich der Wert gesellschaftlicher Akteure nicht an ideologischer „Reinheit“, sondern daran, in welchem Maße sie Chaos kontrollieren können. Die internationale Akzeptanz der neuen syrischen Führung unter al-Shara ist daher als pragmatische Unterstützung für ihre staatenbildende und – im positiven Sinne – transformierende Kapazität zu verstehen.
Unterschiedliche Lesarten Ahmed al-Sharās
Die Debatten über al-Shara bewegen sich im Wesentlichen innerhalb zweier unterschiedlicher mentaler Deutungsrahmen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Lesarten zeigt sich nicht nur in politischen Präferenzen, sondern vor allem in der Art und Weise, wie Realität interpretiert wird. Die eine Perspektive ist ideologisch, die andere strategisch.
Die erste Lesart ist jene der türkischen Opposition sowie jener Kreise, die sich mit dem Assad-Regime identifizieren. Die zweite ist die westliche Bewertung al-Sharās. Der Unterschied zwischen diesen beiden Zugängen verdeutlicht zugleich, in welchem Maße bestimmte Gruppen in der Türkei Ereignisse und Akteure durch einen ideologischen Filter wahrnehmen.
Es wäre verkürzt zu behaupten, dass die ablehnende Haltung der türkischen Opposition und der Assad-nahen Kreise gegenüber al-Shara ausschließlich aus sicherheitspolitischen Bedenken resultiere. Vielmehr wirken hier tiefere und historisch gewachsene Ängste. Dieser Reflex ist nicht nur ideologisch, sondern auch eng mit dem historischen Gedächtnis der türkischen Modernisierung verbunden. Für große Teile der türkischen Linken erscheinen Akteure im Nahen Osten, deren muslimische Identität sichtbar ist, nicht allein als außenpolitische Akteure, sondern als symbolische Verlängerung der innenpolitischen Laizismus-Debatten.
Diese Angst speist sich aus zwei Hauptquellen. Erstens aus der Furcht vor einer soziologischen „Umzingelung“ der säkularen Republik durch den Nahen Osten. Zweitens aus der ideologischen Nähe und den gewachsenen Beziehungen dieser Kreise zum Assad-Regime. Aus dieser Perspektive wird die Führung des syrischen Staates durch einen Akteur mit salafitischem Hintergrund nicht lediglich als außenpolitische Entwicklung wahrgenommen, sondern als symbolische Bedrohung des türkischen „Modernisierungsprojekts“.
In diesem Sinne wird der Name al-Shara für bestimmte Kreise in der Türkei weniger zu einer außenpolitischen Figur als vielmehr zu einem symbolischen Objekt innenpolitischer Identitätskonflikte.
Der staatliche Umgang mit al-Shara hingegen folgt einer realistischen Logik. Für westliche Akteure ist al-Sharas ideologische Vergangenheit von sekundärer Bedeutung. Ausschlaggebend sind vielmehr seine Fähigkeit, Stabilität vor Ort zu erzeugen, und sein Potenzial, den Staatsapparat wieder funktionsfähig zu machen. Der Westen liest al-Shara daher nicht als „ideologischen Akteur“, sondern als mögliche Adresse einer kontrollierbaren Ordnung. Akteure werden nicht nach dem beurteilt, was sie repräsentieren, sondern danach, über welche Macht und Kapazitäten sie verfügen.
Die Neigung der türkischen Opposition und der Assad-nahen Kreise, politische Akteure weniger anhand ihres Handelns als vielmehr anhand ihrer symbolischen Bedeutung zu bewerten, findet international kaum Entsprechung. Diese Differenz führt dazu, dass ein und dasselbe Phänomen im Westen als strategische Notwendigkeit, in der Türkei jedoch als ideologische Bedrohung wahrgenommen wird.
Bemerkenswert ist dabei, dass die schärfste Kritik an al-Shara nicht aus dem Westen, sondern aus der türkischen Innenpolitik kommt. Einige politische Akteure tun sich schwer damit, die neue syrische Ordnung zu akzeptieren. Bei der Bewertung der neuen syrischen Führung blenden sie den repressiven, massenmörderischen und folternden Charakter des Assad-Regimes aus und ziehen es vor, Personen primär anhand ihrer Vergangenheit zu beurteilen. Mitunter äußert sich diese Haltung sogar in einer offenen Nostalgie für ein Regime, das für den Tod von über einer Million Menschen verantwortlich ist.