Der Schatten des Fehlenden – Kunst: Entfremdung und Suche

Der Mensch tritt der Welt zunächst über die von ihr angebotenen Genüsse entgegen; doch deren Wirkung vermag die grundlegenden Probleme der Existenz nur vorübergehend zu verhüllen. Sobald die Anziehungskraft der äußeren Eindrücke nachlässt, beginnt der Mensch sowohl die Verlockung als auch den Wahrheitsanspruch dieser Welt infrage zu stellen. Verliert er schließlich den Glauben an die Realität des Gegebenen, wendet er sich einem mythologischen Universum zu, das im Denken entsteht und scheinbar frei von Mangel ist. Diese Hinwendung ist Ausdruck des menschlichen Verlangens, das Gefühl des Mangels auszugleichen. Denn die Anwesenheit des Fehlenden erzeugt im Bewusstsein des Menschen einen dauernden Alarmzustand: mal wie ein körperliches Unbehagen, mal wie eine geistige Verdichtung, meist jedoch als ein unerklärliches Unruhen. So wird der Mangel zu einem bestimmenden Element der Beziehung, die der Mensch zu sich selbst und zur Welt unterhält; er erzeugt eine philosophische Spannung, die ihn sowohl zum Hinterfragen zwingt als auch zur erneuten Sinnstiftung drängt.

An diesem Punkt erscheint der Mangel nicht mehr als bloße Abwesenheit, sondern als grundlegende Dynamik, die das Bewusstsein des Menschen ständig in Bewegung hält. Dass das Fehlende im Denken fortwährend präsent bleibt, wirkt wie ein metaphysisches Echo der Tatsache, dass der Mensch sich selbst nicht genügt.

Dr. Ali Schariati weist darauf hin, dass in allen religiösen und literarischen Texten der Geschichte Pessimismus, Schmerz, der Wunsch, dem Bestehenden zu entfliehen, sowie ein Murmeln an der Schwelle jenes unbekannten Ortes zu finden sind. In diesem Murmeln liegt nicht Traurigkeit, sondern Gram. Im Gegensatz zur Traurigkeit, die aus dem Streben nach der Erfüllung weltlicher und materieller Bedürfnisse entsteht, hervorbringt der Gram all jene geistigen und künstlerischen Bestrebungen, die darauf abzielen, den dem Menschen bei der Schöpfung innewohnenden Mangel zu überwinden. Die von Schariati gezogene Unterscheidung zeigt, dass das menschliche Streben, den Mangel auszugleichen, weit weniger ein Wunsch nach weltlicher Vervollständigung ist als Ausdruck eines viel tieferen inneren Mangels. Der Mangel ist daher kein materielles Defizit, sondern ein spiritueller Ausgangspunkt.

Der Mensch, aus Lehm erschaffen und dadurch zugleich Teil der Natur, entfremdet sich – je nach Intensität jenes von innen nach außen dringenden Mangels – sowohl der Natur als auch der Materie. Er schafft eine Distanz zur Welt des „Vorhandenen“. In natürlicher Folge entfremdet er sich auch der Gesellschaft, der Kultur und den von ihnen hervorgebrachten Werten und Lebensformen. Diese Entfremdung erzeugt im Leben des Menschen ein Scheitern – oder anders gesagt: ein Nicht-Fußfassen-Können.

So wird das Gefühl des Mangels nicht nur zu einem individuellen Seelenzustand, sondern zu einem Grundgefühl, das gesellschaftliche Unstimmigkeiten und die Zerbrechlichkeit des modernen Individuums prägt. Die materialistisch-positivistische Weltsicht des 19. Jahrhunderts führte die Menschheit in den Ersten Weltkrieg und damit in eine kollektive Katastrophe. In deren Folge wandten sich einige Autoren, die Religion und Gott mit Zweifel betrachteten und als natürliche Konsequenz sowohl die gesellschaftlichen Werte als auch die Welt als bedeutungslos empfanden, einem selbstgeschaffenen Kunstuniversum zu, um darin Atem und Leben zu finden. In diesem Raum treten mythologische und archetypische Elemente als wertschaffende Kräfte hervor. Auf diese Weise entstand nicht nur ein neues Kunstverständnis, sondern auch ein Versuch, in einer als düster empfundenen Gesellschaft eine neue Wahrnehmung von Wirklichkeit zu schaffen. So wurde das Gefühl des Mangels zu einem zentralen schöpferischen Impuls der modernen Kunst; Künstler suchten nach neuen Formen, neuen Erzählweisen und neuen Schichten der Wirklichkeit, um die innere Leere zu füllen.

Vor allem die modernistischen Autoren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichten und das klassische realistische Romanverständnis aufbrachen, entfernten sich von einer optimistischen Weltsicht und wandten sich in der Krise der Sinnlosigkeit dem Inneren des Individuums zu. Sie tauchten ein in die Tiefen der menschlichen Seele und in die Komplexität des Bewusstseins. Diese Hinwendung war der künstlerische Höhepunkt des Mangels: Er war nicht länger bloß ein Gefühl, sondern das existenzielle Schicksal des modernen Menschen.

Beispielsweise legt Oğuz Atay in der türkischen Literatur, insbesondere in seinem Roman Tutunamayanlar, den Schwerpunkt auf das Leiden, den Schmerz, den Gram und die innere Abrechnung, die aus dem Gefühl des Mangels hervorgehen und an der Wurzel jener Entfremdung stehen, die den Zustand des „Nicht-Fußfassen-Könnens“ erzeugt. Aus diesen inneren Bewegungen entstehen zugleich Wandel, Transformation und Erleuchtung. Atays Ansatz zeigt, dass das Gefühl des Mangels nicht nur zerstörerisch, sondern zugleich eine schöpferische Kraft ist; denn das Bewusstwerden des Fehlenden zwingt den Menschen sowohl zum Denken als auch zur Verwandlung.

Die Entfremdung des aus Lehm geschaffenen Menschen von der materiellen Welt führt bei Figuren wie Selim zu einer tiefgreifenden inneren Auseinandersetzung. Selim, der eine Distanz zum Bestehenden schafft und in den dunklen Gängen des menschlichen Bewusstseins das Leiden darüber erlebt, die „Seinigkeit“, deren Fehlen er spürt, zu denken, betrachtet die Dimensionen der materiellen Welt als nachgeahmte, künstliche Hindernisse, die sich vor das Sein schieben. Diese Perspektive zeigt erneut, dass das Gefühl des Mangels eine antreibende Kraft ist, die den Menschen in die Suche nach der Wirklichkeit hineinstößt. Das Suchen nach dem Fehlenden ist eine Hinwendung zum Sein – oder, noch stärker ausgedrückt, ein Gebet, das angesichts des Seins gesprochen wird.

Daher ist das Gefühl des Mangels sowohl die größte Tragödie des Menschen als auch seine bedeutendste schöpferische Quelle. Weil der Mensch kein vollendetes Wesen ist, sucht er nach Sinn; weil er Sinn sucht, denkt er; und weil er denkt, erschafft er Kunst, Glauben und Mythos. Das Gefühl des Mangels ist kein unüberwindbares Vakuum, sondern der Wunsch des Menschen, sich selbst und die Welt zu überschreiten.