Was sagt İbrahim Kalın?
In der Tat ist der aktuelle politische Hintergrund des Textes äußerst deutlich. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist in sein fünftes Jahr eingetreten. Die Zerstörung in Gaza hält an. Die Auswirkungen des Syrien-Prozesses sind in der Region weiterhin spürbar. Und inmitten all dessen beunruhigt der am 28. Februar begonnene Krieg zwischen Israel und den USA auf der einen und Iran auf der anderen Seite trotz eines teilweisen Waffenstillstands die Welt. Kalın widmet einen wesentlichen Teil seiner Rede genau diesen Themen. Er schildert die Bemühungen der Türkei, den Krieg zu verhindern, ihren Willen, sich außerhalb des Krieges zu halten, sowie ihre Suche danach, zu verhindern, dass die gesamte Region zu einem Flammenmeer wird.
Doch es greift zu kurz, die Rede allein auf dieser Ebene zu lesen.
Denn nachdem Kalın die Entwicklungen vor Ort aufgezählt hat, verlagert er die Rede auf eine andere Ebene. Dort geht es nicht mehr nur um Krieg, Diplomatie und Sicherheit. Es geht um Wahrheit. Um Wissen. Um Narrative. Um Weisheit. Ja, sogar um Begriffe wie Postmodernismus, informatische Katastrophe, dunkle Aufklärung und Seinsvorstellung – Konzepte, die man in der Rede eines Geheimdienstchefs nicht unbedingt erwartet. Das wirft unweigerlich die Frage auf: Kommentiert Kalın hier lediglich einen Krieg, oder versucht er im Namen der Türkei einen neuen intellektuellen und geopolitischen Rahmen zu entwerfen?
Meiner Ansicht nach ist die zweite Möglichkeit überzeugender.
SUMME VON KRISEN ODER SYSTEMKRISE?
Einer der auffälligsten Aspekte der STRATCOM-Rede ist, dass die aktuellen Entwicklungen nicht als voneinander unabhängige Ereignisse dargestellt werden. Der Russland-Ukraine-Krieg, Gaza, Syrien und die Iran-Frage erscheinen nicht als getrennte Themenblöcke. Vielmehr werden sie als sich gegenseitig speisende Bestandteile ein und derselben internationalen Zäsur präsentiert. Entscheidend ist hier Kalıns Formulierung eines „auf Unvorhersehbarkeit, Fragilität und willkürlicher Machtausübung beruhenden Weltsystems“. Beschrieben wird also nicht bloß eine Zunahme und Diversifizierung von Kriegen, sondern ein internationales System, dessen Fähigkeit, Konflikte zu produzieren, gewachsen ist, während seine Legitimität zur Lösung von Krisen geschwächt ist.
Diese Perspektive zeigt, dass die in Ankara vorherrschende Sichtweise die Problematik nicht allein durch das Prisma regionaler Sicherheit begreift, sondern als umfassendere Systemkrise diagnostiziert und nach entsprechenden Lösungen sucht. Anders gesagt: In Kalıns Rede wird die gegenwärtige chaotische Atmosphäre als Ausdruck einer Erosion der bestehenden Ordnung verstanden.
DAS FEUER DER ZWIETRACHT UND DAS SCHICKSAL DER VÖLKER DER REGION
Einer der politisch markantesten Sätze der Rede ist die Betonung, dass „dieser Krieg nicht nur auf die nukleare Kapazität Irans abzielt, sondern zugleich darauf, den Boden für einen jahrzehntelangen Bruderkrieg zwischen Türken, Kurden, Arabern und Persern zu bereiten“. Was hier beschrieben wird, ist nicht bloß „Destabilisierung“ im klassischen sicherheitspolitischen Sinne, sondern eine tiefere, gesellschaftliche und historische Bruchlinie. Es wird unterstrichen, dass der Krieg nicht nur die im 20. Jahrhundert entstandenen Staaten bedroht, sondern das soziale Gefüge der Region selbst ins Visier nimmt.
Formulierungen wie „kein Holz in das Feuer der Zwietracht tragen“ und „notfalls den Feuerball an unserer Brust löschen“ zeigen, dass die Türkei sich nicht als Kriegspartei, sondern als ein Zentrum versteht, das diese Fragmentierung zu verhindern sucht. Diese Sprache enthält zugleich einen Anspruch moralischer Überlegenheit. Wichtiger ist jedoch der Eindruck, dass die Rolle, die sich die Türkei in der regionalen Politik zuschreibt, künftig über bloße diplomatische Vermittlung hinausgehen könnte. Denn die wiederholt betonte Idee einer „auf eigenen regionalen Dynamiken beruhenden Sicherheitsarchitektur“ wirkt wie ein Vorbote eines umfassenderen Suchprozesses. Es wäre überzogen, mehr hineinzuinterpretieren, doch lässt sich erkennen, dass Ankaras konstruktive und stabilisierende Haltung in Syrien möglicherweise auch in Libanon, Irak und sogar im Iran fortgeführt werden soll.
Im zweiten Teil seiner Rede wechselt İbrahim Kalın von der Geopolitik zur Epistemologie und argumentiert, dass die großen Narrative der Postmoderne keine freiere, gerechtere und rationalere Welt hervorgebracht haben; im Gegenteil hätten sie den Weg in eine dunklere Epoche geebnet, in der Wahrheit geleugnet, Wissen instrumentalisiert und Realität beliebig gemacht wird. Der Verweis auf die „dunkle Aufklärung“ setzt genau hier an. Dieses vom britischen Denker Nick Land inspirierte Konzept, das auf das Schicksal des Menschen nach der Cyberkultur verweist, dient dazu, uns daran zu erinnern, dass der Krieg weniger ein rein militärischer Konflikt ist als vielmehr das Ergebnis einer geistigen und begrifflichen Erosion.
VON HEIDEGGERS HÜTTE ZU STRATCOM
Hier wird Kalıns intellektueller Hintergrund sichtbar, insbesondere seine philosophischen Suchbewegungen der 1990er Jahre. Die Betonung von „Wahrheit“, „Sein“, „Wissen“, „Weisheit“ und „Sinn“ in der STRATCOM-Rede ist kein Zufall. Kalın versucht, die Sprache der Sicherheitsbürokratie mit einer Kritik der Moderne und stellenweise mit der Weisheitstradition des islamischen Denkens zu verbinden. Das ist keine einfache Synthese, doch genau dieser Versuch ist spürbar.
Letztlich liest Kalın die gegenwärtige geopolitische Krise nicht nur als eine Krise der Hegemonie und der Machtverteilung, sondern auch als eine Krise von Sinn und Wahrheit. Entsprechend besteht die Lösung nicht allein in mehr harter Macht, stärkeren Verteidigungslinien oder proaktiver Diplomatie, sondern auch in der Entwicklung eines politischen Denkens, das seine eigene Geschichte erzählen kann, mit eigenen Begriffen denkt und nicht im sprachlichen Universum anderer gefangen bleibt.
WAS BEDEUTET ES, „UNSERE EIGENE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN“?
Im letzten Teil der Rede tritt die Aussage hervor: „Eine Geschichte, die du nicht benennst, ist nicht deine Geschichte. Wenn du mit der Syntax eines anderen sprichst, hast du selbst dann keine eigene Sprache, wenn du deine eigenen Wörter benutzt.“ Diese Sätze beziehen sich nicht nur auf Kommunikationspolitik, sondern darauf, wie die Türkei sich selbst denkt und sich der Welt erklärt.
Daher wäre es verkürzend, die Rede lediglich unter dem Stichwort „strategische Kommunikation“ zu lesen. Der eigentliche Vorschlag besteht darin, die Sicherheitsvision der Türkei mit der Fähigkeit zur Narrativbildung zu verbinden. Mit anderen Worten: Sicherheitsarchitektur und intellektuelle Souveränität werden in ein und demselben Satz zusammengeführt. Das lässt die Rede über eine routinemäßige Bedrohungsanalyse hinausgehen und als Entwurf eines umfassenderen mentalen Rahmens erscheinen.
Aus diesem Grund lese ich diese Rede nicht nur als Analyse aktueller Krisen, sondern als eine Skizze dafür, welche mentale und geopolitische Position die Türkei angesichts einer neuen globalen Unordnung einnehmen sollte. Kalın beschreibt nicht nur, was der Staat im Schatten von Kriegen tut, sondern versucht zugleich, eine Richtung vorzugeben, wie die Türkei künftig denken sollte.
Vielleicht liegt genau darin der Kern: Es geht nicht nur um den Krieg selbst.
Es geht darum, wo die Türkei in diesem neuen, von Kriegen hervorgebrachten dunkleren Zeitalter nicht nur militärisch, sondern auch intellektuell stehen wird.
Losgelöst vom unmittelbaren Kontext der Rede lädt uns dieser Text dazu ein, uns zu fragen, ob wir angesichts der gegenwärtigen Lage bereit sind, uns von unseren Gewohnheiten und Vorannahmen zu lösen. Werden wir, wenn Ankara vor unerwarteten gesellschaftlichen Entscheidungen und Notwendigkeiten steht, an den Grenzen unseres Denkens verharren – oder werden wir unsere geistigen Grenzen im Lichte unserer eigenen Wahrheit neu bestimmen und in unserer Geographie Frieden aufbauen?
Genau darin liegt die eigentliche Frage.
*https://www.star.com.tr/yazar/ibrahim-kalin-ne-soyluyor-yazi-2011225/